Gebhardt, Lars: Die Reise zur grünen Fee

Die Reise zur grünen Fee.

Abel, so werden die meisten den Autor wohl nennen, hat alles, was dazu gehört, ein literarischer Held der Punkrock-Szene zu sein: er hat Szenegeschichte geschrieben (Stay Wild Fanzine), singt in einer Punkrock-Kapelle (Projekt Kotelette), ist Freund von vielen berühmten Punkrockern (Bela B.), schreibt für ein namhaftes Punk-Fanzine (Ox) und ist ein charmanter Mann (das wird von der Damenwelt kolportiert). Ferner versteht er es ziemlich gut, sich als Autor in Szene zu setzen und selbst zu verkaufen, wie er es bei seinem Romandebut ‚Ein Goldfisch in der Grube‘ bereits gezeigt hat. Das muss ihm erst einmal nachmachen, finde ich. Ich subsummiere und komme zu dem Ergebnis, dass ihm jetzt nur noch ein richtig guter Roman fehlt.

Mit ‚Die Reise zur grünen Fee‘ liegt mir nun Abels zweites Buch vor, das ich recht schnell runter lesen konnte, obwohl es immerhin 230 Seiten stark ist. Das liegt daran, dass ich dem Ich-Erzähler gerne folge, denn er verschmilzt für mich immer wieder mit dem Autor, was mich des Öfteren doch zum Schmunzeln bringt. Abel und wie er die Welt sah. Und so ganz illegitim ist das ja nicht, denn der Text weißt sicher autobiografische Züge auf. So wirken die Szenen auf einem Konzert der Band DIE GEISTER und der Aftershowparty sehr authentisch. Und Abel kann solche Geschichten auch schön erzählen, so dass ich ihm gerne folge. Und das tue ich brav vom Anfang an, denn zunächst beschließt der Held, eine Reise mit dem Zweck der Selbstfindung zu beginnen. Diese führt ihn ins Prag der 90er-Jahre, wo er erst einmal jede Menge Bier und dann auch Absinth in sich hineinschüttet. Dabei wechseln seine Trinkpartner und er lernt auch Maria kennen, in die er sich auch sofort verliebt. Sie ist sich ihrer Gefühle aber noch nicht so ganz sicher, unser Held muss also warten. Und was macht er währenddessen? Richtig: er trinkt, isst, macht Sightseeing, stolpert, schwankt, trinkt und wechselt die Kulisse nach München, wo er ein ähnliches Programm absolviert. Mal habe ich dabei das Gefühl, einen Bericht für einen Reiseblog zu lesen, wenn ich ziemlich detailliert über die Sehenswürdigkeiten von Prag informiert werde, um dann unversehens mit dem Erzähler im Vollsuff zu versacken und es so gerade noch ins Botelbett (richtig: hier handelt es sich um ein Hotel auf einem Boot) zu schaffen. Dazwischen vergeht Zeit, die immer wieder damit gefüllt wird, dass man sich schnell zur Erfrischung ein paar Flaschen Pils vom Kiosk holt. Das macht der Erzähler wirklich gerne: am Bahnhof, nach dem Museum und bei romantischen Abendspaziergang mit Maria, eine Gelegenheit, die trockene Kehle zu ölen oder die aufkommende Übelkeit zu ersticken, findet sich immer. Da habe ich dann schon das Gefühl, der junge Charles Bukowski ist hier auf einem Ausflug mit dem Konfirmandenunterricht. Erstaunlich ist es, wie geduldig ich ihm dabei folge und noch erstaunlicher, wie schnell die Zeit dabei verfliegt. Irgendwann ist der Plot vorbei, das Buch ist ausgelesen und ich frage mich, was passiert ist? Ich glaube, sowas nennt man Kurzweil.

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Je suis betroffen… aber auch nicht immer

Was ist es, das mich betroffen macht? Über 100 Tote in Paris, verursacht durch die Religioten vom Islamischen Staat, sorgen für Schweigeminuten in meiner Schulklasse und im Stadion beim Fußballspiel.

mauer2Unter meinen Schülern waren und sind viele, die zu den Bildungsverlierern zählen, wird davon einer…? Darf man nicht mal denken, aber wie war das mit den Schülern der Islam-Lehrerin aus Dinslaken?

Im Stadion stand plötzlich jemand vor mir: Migrationshintergrund, irgendwas mit Islam vermutet. Er hat kein Fankleidung an, singt nicht, nestelt immer nervös an seinem Handy rum, steckt sich dann auch Kopfhörer in die Ohren. Was macht der, der wird doch nicht…?

Ich bin gereizt, wenn ich Kopftücher sehe, will nur weg, nichts damit zu tun haben. Der Islam ist keine kulturelle Bereicherung für mich. Ich stimme hier mit Hamed Abdel-Samad überein.

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Das praktische Problem mit Gottes Existenz

Nachdenken über Gott

In diesen Tagen wird das Problem mit Gott einmal mehr virulent, also muss ich mich als Atheist wieder mit ihm auseinandersetzen. Und die Frage stellt sich mir wieder, wie ich mit jemandem umgehen kann, der nicht existiert, aber dennoch für so viel Hass und Gewalt verantwortlich ist, ohne dabei ins Fahrwasser gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu geraten.

Als praktizierender Theist gerät man angesichts der Anschläge in Paris nicht so leicht in Erklärungsnot. Ist man Jude oder Christ, so scheint man fein raus und kann je nach Grad der eigenen Toleranz und Ausübungspraxis über Muslime urteilen, sie verurteilen oder entschuldigen. Und als Muslim kann man sich von Islamisten distanzieren, die sich gewissermaßen des Glaubensverats schuldig gemacht haben.

Auch andernorts wird so differenziert, indem eine strenge Linie zwischen Islamismus und Islam gezogen wird. Dazu neigen auch viele Atheisten, die ungern eine Religion unter Generalverdacht stellen wollen. So wird darauf verwiesen, dass es schließlich soziale Ungerechtigkeiten sind, die die Menschen in den Islamismus treiben. Der IS gar wird zum geopolitischen Spielball der Mächte und Mächtigen degradiert.

Angesichts hochkochender Emotionen, ist eine solch liberale Haltung vorzuziehen, anstatt mit anti-islamischen Hassparolen weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Gottes reale Nichtexistenz ist das Problem

Aber obwohl oder gerade weil er nicht existiert, ist Gott selbst das Problem. Was kann man vernünftigerweise gegen eine Instanz unternehmen, die Gewaltakte legitimiert und dem Fortschritt diametral entgegen steht?

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Wieder Swen Bock sein und Facebook

Karacho-Swen-Screenshot

Falsch geschrieben. War auch sonst ein dämlicher Auftritt von Swen Bock.

Zwei Ereignisse fallen derzeit zusammen: erstens habe ich für die nächste Ausgabe des Plastic Bombs wieder ein paar Reviews und ein Vorwort geschrieben und zweitens wieder einen Facebook-Account. Wie kommt es dazu, war doch beides von mir ausgeschlossen? Explizit im Falle Facebook (siehe hier) und wie es genau beim Plastic Bomb war, habe ich verdrängt.
Aber seit geraumer Zeit kokettiere ich wieder damit, eine Reunion meiner Existenz als Swen Bock ins Auge zu fassen. Zur Erklärung muss ich etwas ausholen:

Swen Bock war ja auch mein bürgerlicher Name zur Gründungszeit des Plastic Bombs 1993 und er entwickelte sich immer mehr zum Alter Ego, während ich selbst spätestens mit meiner Heirat und der Geburt meiner Kinder sehr viel bürgerlicher wurde.

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#dieBeste Platte: #AdamAngst – s/t LP

wpid-2015-06-19-20.08.00.jpg.jpegVerdammt gelungenes Wortspiel beim Bandnamen. Adam, zugleich biblischer Urvater des Menschengeschlechts und erster Sünder, und den archaischen Zustand der Angst in einem Atemzug. Dazu das Logo, auf dem die Angst gespiegelt auf dem Kopf steht, so dass das ‘t’ wie ein umgedrehtes Kreuz das Bindeglied zwischen biblischen Motiv und negativem Empfinden steht. Das lässt reichlich Raum für Interpretationen und Erwartungen.

Und diese Erwartungen werden erfüllt. Hier werden kleine Geschichten erzählt. Das subjektiv empfundene Unbehagen zwischen gelebten und gewolltem Leben wird thematisiert, im Kleinem wie im Großen. Sehr sympathisch, denn Adam Angst können mit Sprache umgehen, sind präzise Beobachter und dabei treffend böse.

In diesem Zusammenhang sind die seichten Töne des musikalischen Gewands durchaus angebracht. Musikalisch spielen sie mit dem Business-Punkrock der Marke Donots. Dieser seichte Teppich unterstützt die stetig präsente Ambivalenz, die als Konzept so wunderbar funktioniert. Auf der einen Seite Mainstreamtauglichkeit sowie direkte Ansprache der ausgebrannten Generation Praktikum und dann höre ich in den Zwischentönen immer wieder einen ätzenden Unterton angesichts der enttäuschten Erwartungen ans Leben, die von Adam Angst gespiegelt werden.

GHVC

 

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#DieBeste Radioshow

die2vomAtomkraftwerkEin steter Quell der Freude ist mir das monatliche Stelldichein mit Vasco und Tom, um die Beste Radioshow zu produzieren. Seit mittlerweile 21 oder 22 Jahren läuft unsere Bürgerfunkshow auf www.radioduisburg.de und seit zwei Jahren auf www.punkrockers-radio.de.

Ob das überhaupt einer hört, interessiert ja auch gar nicht. Es ist vielmehr ein Treffen, an dem Vasco und ich uns gegenseitig unsere Lieblingsplatten vorspielen und uns dabei unterhalten. Das haben wir früher schon gemacht, nur ohne Radio.

Wer einmal reinhören will, sollte sich den ersten und dritten Mittwoch im Monat merken, und seinen Volksempfängerum 20:05 Uhr auf Empfang schalten. Und unter  #diebeste gibt es auf Twitter auch regelmäßig die Ankündigungen.

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Kleister

Einer von denen, die ich lange nicht mehr gesehen habe.

Einer von denen, die Prinzipien hatten.

Einer von denen, die trotzdem lachten.

Einer von denen, mit den ich gerne sprach.

Einer von denen, an die ich noch dachte.

Einer von denen ich immer mailen wollte.

Von denen einer, um die es wirklich schade ist.

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