Das Horst-Buch – Die ersten Kapitel (zum Fragenkreis 1-komplett)

Alle Text- und Mediendateien zum ersten Kapitel finden sich am Ende des Textes.

 

Gerade frisch im Unterricht erprobt, habe ich nun den Einstieg in die Horst-Geschichten fertig geschrieben. Im Gegensatz zu den ersten Geschichten von Horst, die im Zuge meiner Vorbereitung des Unterrichts im Referendariat geschrieben wurden und dadurch im Einsatz streng an die Vorgaben der Ausbildung im Studienseminar gekoppelt waren, also mehr praktisch als Philosophie, habe ich dieses Mal mehr Augenmerk auf den tatsächlichen Einsatz in den Jahrgangsstufen 5 und 6 gelegt und entsprechende Arbeitsvorschläge für den Unterricht  in Form von Arbeitsblättern erstellt, die zum differenzierten Einsatz im Unterricht anregen sollen.

Wichtig waren mir hier Anregungen aus dem Doktorandenkolloquium Philosophie unter Federführung von Dr. Vanessa Albus an der Uni Duisburg Essen. Im Gegensatz zu meiner schulpraktischen Ausbildung wurde hier festgestellt, dass meine bisherige Arbeit etwas schwammig in Bezug auf die philosophische Erdung sei.

So habe ich in den Arbeitsvorschlägen zunächst immer sehr praktische Bezüge zum Text und zur Lebenswelt hergestellt, um dann einen Bezug zur Philosophie herzustellen. Es sei erwähnt, dass man das Arbeitsmaterial bitte nicht derart verstehen sollte, dass es streng chronologisch eingesetzt werden sollte. Ich habe es im Unterricht in verschiedenen Lerngruppen völlig unterschiedlich strukturiert. Auch ist die Geschichte nicht immer als Einstieg gewählt worden, um hier einer Monotonie Vorschub zu leisten. Oft ist es darüber hinaus einfach sinnvoller, zunächst Vorerfahrungen der Schüler aufzunehmen. Immer habe ich allerdings die Geschichten nach dem Lüneburger Lautleseverfahren mit MP3 und Text gelesen, um hier einen Beitrag zur Leseförderung zu leisten.

Das Material kann gerne frei genutzt werden und für unterrichtliche Zwecke angewandt werden. Da die Texte aber nicht redigiert sind, bitte ich um Nachsicht und gerne auch Korrekturen und Anregungen.

Word-/PDF-Dateien (+Ton-Dateien)

1-Horst-obsiegt richtig super toll /      1-Horst-obsiegt richtig super toll

2-Von Amba, Gott und dem Weltgeist /  2-Von Amba, Gott und dem Weltgeist

3 – Was ist für mich wichtig /  3 – Was ist für mich wichtig

4 – Horst und die Angst / 4 – Horst und die Angst

5 – Märchen / 5 – Märchen

 

Arbeitsblätter:

Word-/PDF-Dateien

A1-Horst-obsiegt richtig super toll / A1-Horst-obsiegt richtig super toll

 A2-Von Amba, Goitt und dem Weltgeist / A2-Von Amba, Goitt und dem Weltgeist

A3-Was für mich wichtig ist A3-Was für mich wichtig ist

A4-Angst und Furcht A4-Angst und Furcht

A5-Das Märchen von Prinzessin Horst / A5-Das Märchen von Prinzessin Horst

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das Horstbuch und du

Nun sind endlich alle Teile des Horstbuches für das Thema Wahrhaftigkeit und Lüge (Fragenkreis 3) veröffentlicht. Von fertig möchte ich nicht sprechen, denn es handelt sich um Entwürfe, die zwar praxiserprobt und von den Schülern sehr positiv angenommen wurden, aber sicher nicht fehlerfrei oder optimierungsbedürftig sind. Gerne mag sich der geneigte Leser / Lehrer daran bedienen, um die Vorabeiten für die 5. Klasse zu nutzen oder sie für andere Zwecke auseinanderzunehmen.

Ich würde mich aber freuen, wenn ich etwas Feedback bekommen würde. Wenn ihr die Materialien im Unterricht einsetzt, möchte ich natürlich wissen, wie eure Schüler damit klar kommen. Vielleicht gibt es auch konkrete Verbesserungsvorschläge oder Ideen für andere Umsetzungen im Unterricht. Ich bin neugierig auf alles. Auch wenn die Resonanz nur in derartiger Form ist, dass ich die sicher vorhandenen Tippfehler benannt bekomme, damit ich diese für künftige Einsätze ausbügele.

Die komplette Übersicht:

Teil 1: Mimikry und Mimese

Teil 2:Der Verdacht: Wer war der Täter?

Teil 3: Das Horst-Dilemma

Teil 4: Nico, Horst und die Fee (Text:PinNico, MP3: Nico, Pinocchio und die Fee)

Der Blog-Eintrag und der dazugehörige UPP-Entwurf inklusive der langfristigen Reihenplanung finden sich hier.

Teil 5: Das Horstfinale

 

Das Horst – Finale

Alles braucht ein Ende. Und dieses Finale gehört Horst, der den Handlungsbogen rundet und gleichzeitig viele Deutungsmöglichkeiten für moralische Wertungen lässt.

Ich selbst habe das Finale als Anlass genommen, die Themenreihe noch einmal zu reflektieren, die Themen ‚Lügenverbot‘, ‚Notlüge‘ und ‚Handlungsfolgen‘ noch mal anhand des Plots nachzuzeichnen, um eventuelle Handlungsalternativen für die Beteiligten zu eruieren.

Hier ist die Text – Version als PDF: Horst – Das Finale

Und hier die Audiodatei: Horst – Das Finale

Viel Spaß damit.

 

 

 

Nico, Pinocchio und die Fee

Eine kurze Zusammenfassung vereinfacht mittlerweile den Zugang zum Geschehen:

Alle Beteiligten gehen in eine 5. Klasse einer weiterführenden Schule. Vor der Klasse kam es zu folgendem Vorfall: Horst schmiert seiner Schulkameradin Amba ein Kaugummi in die Haare, weil sie seine Zuneigung nicht teilt. Sie merkt dies erst später, sodass es nicht gelingt, das Kaugummi sauber aus ihren Haaren zu entfernen.

Die Klassenlehrerin Frau Hochgeschurz verdächtigt zwei Mitschüler, die am Tisch mit Amba und Horst sitzen. Horst gerät nicht in Verdacht, weil er ein nur positiv auffälliger Schüler mit überragenden Noten ist.

Nico ist einer der Verdächtigen und gilt als Klassenrüpel, dem man alles zutraut. Der andere Verdächtige ist Jannis, der gerne zu den „bösen Jungs“ gehören würde, aber von denen nicht akzeptiert wird, weil er als Klatschmaul gilt.

Beide Schüler verhalten sich im Gespräch mit Frau Hochgeschurz durchaus verdächtig und zeigen dies in beobachtbaren Reaktionen wie Vermeidung des Blickkontakts und Unsicherheit. Nico erscheint aber als wahrscheinlichster Tatverdächtiger und Lügner.

Für die Leser stellt sich heraus, dass Nico zwar lügt, aber nicht der Täter war. Er kennt den Täter Horst, ist aber von diesem bedroht worden, ihn nicht zu verraten. Da es Horst kurz zuvor gelungen ist, den anderen Klassenschreck mit dubiosen Methoden so zu verängstigen, dass dieser vor Angst der Schule fern bleibt, nimmt Nico diese Drohung ernst.

Nico möchte trotzdem nicht als Feigling und Petze gelten und verrennt sich in ein Lügengewirr, indem er einen noch völlig unbeteiligten Schüler aus der Nachbarklasse mit hinein zieht.

Zu Beginn des Kapitels zeigt sich Nico mitgenommen von dem Dilemma, dass er, wenn er nicht die Wahrheit sagt, wohl weiter Hauptverdächtiger bleibt. Im Fall der Wahrheit verliert er seinen „guten“ Ruf in der Klasse und möglicherweise glaubt ihm auch niemand, dass man Horst keine bösen Taten zutraut.

Teil 1: Mimikry und Mimese

Teil 2:Der Verdacht: Wer war der Täter?

Teil 3: Das Horst-Dilemma

Teil 4: Nico, Horst und die Fee (Text:PinNico, MP3: Nico, Pinocchio und die Fee)

Didaktisches auf der nächsten Seite.

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Das Horst Dilemma

Und die Abenteuer aus unserer Klassen gehen weiter. Nachdem wir darüber spekuliert haben, wie ob jetzt nun Jannis oder Nico, oder keiner von beiden, der armen Amba Kaugummi in die Haare schmierten, gibt es nun die Auflösung des Rätsels.

Allerdings verbunden mit einem weiteren Dilemma. In dem findet sich nun Nico wieder.

Für die SuS geht es darum, nachzuvollziehen, woraus Nicos Dilemma besteht und mögliche Handlungsoptionen für ihn durchzuspielen. Wichtig ist es natürlich auch, noch einmal zu klären, dass man unmöglich körperliche Veränderungen von einem Menschen eindeutig mit Lügen in Verbindung bringen kann. Sie sind einzig und alleine ein Symptom für Nervösität.

Teil 1: Mimikry und Mimese

Teil 2:Der Verdacht: Wer war der Täter?

Teil 3: Das Horst-Dilemma als pdf: dasHorstdilemma

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Pinocchios Abenteuer (Hördatei)

Es gibt Geschichten, die kann man auch wenn sie von 1883 sind, problemlos im PP-Unterricht der 5. Klasse einsetzen: Pinocchios Abenteuer von Carlo Collodoli ist so eine idealtypische Besetzung für den Fragenkreis 3 und den Themenbereich Wahrhaftigkeit und Lüge: Pinocchio lügt zunächst aus der Not heraus und verstrickt sich dann in ein Lügengestrick. Kant hätte seine Freude daran gehabt, denn die Geschichte liefert auch denen eine Begründung, denen die Selbstverpflichtung des Menschen zur Wahrheit etwas suspekt erscheint.

Im Unterricht werden die Schüler das vermutlich aber differenzierter sehen. Ich selbst, setze es ein, um von äußerlich sichtbaren Merkmalen des Lügens (Siehe Horstbuch) die Brücke zur langen Nase von Pinnochio zu bauen und erstmals in die ethisch moralische Bewertung von Lügen einzutauchen.

Die Fee ist da sehr klar, denn sie hält das Lügen für die hässlichste Angewohnheit, die ein Kind haben kann. Damit ist sie klar bei Kant, der das Lügen für einen unvernünftigen menschlichen Makel hält. Am Beispiel von Pinocchio lässt sich diese ‚Unvernunft‘ für Kinder nachvollziehen.

Ich selber halt aber eine erste Wertung von Pinocchios Lügen für ebenso wichtig, die die Schüler hier vornehmen sollten.

Die Hördatei ist hier zum Download: Pinocchios Abenteuer

Und ich nutze den Text (Seite 62 – 63) aus Philopraktisch 1.

 

Der Verdacht: Wer war der Täter?

Es geht weiter mit dem Thema “Wahrhaftigkeit und Lüge” (Fragenkreis 3). Nachdem die Schüler mit Amba mitgelitten haben und auch nach der Lektüre die Begriffe Mimese und Mimikry durchaus auch auf ihr eigenes Leben anwenden konnten, geht es jetzt direkt mit der armen Amba weiter. Diesmal wird ihr ein übler Streich gespielt und ihre Tischnachbarn Nico und Jannis geraten in Verdacht, Täter gewesen zu sein.

Für die Schüler heißt es nun, Detektiv zu spielen und das Verhör der Klassenlehrerin mitzulesen, um danach das Verhalten der beiden Schüler zu Vergleichen. Kann man also den Lügner an seinem Verhalten erkennen?

 

Dazu gibt es hier die Tondatei:

 

Und hier ein pdf mit Arbeitsauftrag: Der Verdacht- Sichtbares Luegen

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Mittwoch – Ein guter Tag

Es geht weiter mit den wilden Sprüngen. Das liegt daran, dass ich in zwei parallelen Lerngruppen, ausprobiere, inwieweit sich die Idee des Buches realisieren lässt und wie sie im Alltag ankommt.

Es kommt nun also in zwei Lerngruppen der 5. Jahrgangsstufe jeweils ein anderer Fragenkreis mit dazugehörigem Thema zum Einsatz.

Einmal ist es das Thema ‚Wahrhaftigkeit und Lüge“ und in diesem Teil beginnt das Thema „Regeln und Gesetze“ (Fragenkreis 4 – Die Frage nach Recht, Staat und Wirtschaft).

Idealerweise kann ich dann aus den Erfahrungen, direkte Anpassungen vornehmen, sodass eine jeweils optimierte Version entsteht, die dann die andere Lerngruppe bekommt.

Mit Yusuf kommt ein Tischnachbar von Horst und Amba erstmalig ins Spiel. Mit seinem Bro Jannis gehört er zu den lebhafteren Jungs in der Klasse. Seine Eltern betreiben einen kleinen Gemüseladen, der sie zeitlich ziemlich in Anspruch nimmt. Dadurch ergeben sich manche Freiräume für Yusuf, die er gerne schon mal nutzt. Auf der anderen Seite ist Yusuf auch immer wieder eingespannt, innerhalb des Familienbetriebs zu helfen. Das führt bei ihm zu einem Spannungsfeld zwischen sehr verantwortlichem Handeln und einem ausgeprägtem Drang sich auszuprobieren.

Die Geschichte gibt es hier als PDF:Mittwoch – Ein guter Tag

Und die Hördatei hier:

Unter der Geschichte gibt es didaktische Überlegungen zum Einsatz im Unterricht.


 

Mittwoch – Ein guter Tag

Mittwochmorgen war der beste. Gerade eben war er noch Trevor und auf einer Mission in Los Santos unterwegs. Er hatte sich einfach einem Porsche in den Weg gestellt. Der machte eine Vollbremsung, blieb stehen und Trevor schlug die Scheibe an der Fahrertür ein und riss den Fahrer raus, um dann mit quietschenden Reifen selbst los zu fahren. Yeah!

Anne ve baba sind zwei Mal in der Woche schon um vier Uhr morgens zum Markt unterwegs, um dem Onkel zu helfen. Der Familie muss man helfen. Samstag muss Yusuf auch so früh mit, um zu helfen. Samstag hasst er darum. Aber Mittwoch ist ein guter Tag. Da ist Yusuf vor der Schule allein zu Hause und kann zocken, bis die Schule anfängt.

Das weiß dann ja keiner, also zählt es auch nicht zu der Stunde, die er jeden Tag spielen darf. Und wenn es schon nicht zu der Stunde Spielzeit gehört, dann ist es auch nicht schlimm, dass das Spiel vom Onkel ist. Ab 18 prangt das rote Siegel auf der Hülle zum Spiel. Jannis sagt immer, dass er nur Spiele ab 18 spielt. Alle anderen sind für Opfer, Lappen und Mädchen. Opfer wie Nico, der alle verpetzt, die mal die Hausaufgaben nicht haben oder gegen die Klassenregeln verstoßen. Der spielt bestimmt nur Mario und hält sich auch an die Zeit, wenn Mama nichts sagt. Amba spielt bestimmt nur so Spiele ab 0: Prinzessin Lillifee oder so. Buah!

Horst, der Psycho, spielt gar nicht. Der macht nur so Mathe und guckt bei Wikipedia im Internet.

Yusuf darf nur Spiele mit grünen Aufklebern ab 12. Obwohl er erst elf ist, denn Anne sagt, er sei ja schon so groß.

Aber Leute abknallen, Regeln brechen und machen was man will, das alles geht frühestens ab 16 Jahren. So ein Quatsch. Bro Jannis sagt immer, man darf alles, nur nicht sich erwischen lassen. Bang! Wie in GTA. Und wenn einen die Polizei da erwischt, muss man nur schnell weg. Ein paar Fußgänger platt fahren und irgendwann hört die Polizeisirene auf zu tönen.

Aber jetzt ist es spät, beinahe zu spät und seine Haare wehen im Wind, während er in die Pedalen tritt. Das Frühstück ist liegen geblieben, obwohl er nie ohne anständiges Frühstück aus dem Haus soll. Die Brotdose mit dem Obst aus dem Laden hat er auch vergessen. Was soll’s? Da er nichts gegessen hat, muss er wenigstens nicht seine Zähne putzen. Die soll er ja schließlich immer nach dem Essen reinigen.

Yusuf fühlt sich gut. Er wird es noch schaffen, rechtzeitig in die Klasse zu kommen. Nur noch die Ampelkreuzung. Die schafft er locker noch bei Gelb. Als sie auf Rot umspringt, muss er noch schneller treten. Es dauert immer ein paar Sekunden, bis die Autos von rechts und links los dürfen, denn die haben noch kurz Rot.

Er schafft es so gerade. Nur eine erzürnte Hupe und er ist drüber. Geschafft. Yusuf fühlt sich unbesiegbar. Wer braucht schon Regeln?

Da muss er plötzlich in die Bremsen treten, weil da so ein Typ einfach auf den Radweg tritt. Mist, das darf der nicht. WTF!

Jetzt geht alles ganz schnell. Sein Rad gerät ins Schlingern. Der Boden ist nass und er rutscht seitlich hin, gleitet noch ein paar Meter über den Boden und kommt an einem Paar schwarze Schuh zum Stoppen.

Yusuf ist noch ganz verdattert. Ob alles in Ordnung sei, fragt eine männliche Stimme.

Obwohl er es eigentlich nicht weiß, nickt er und schon helfen Ihm ein paar behandschuhte Hände hoch.

„Tja, mein Freund. Da ham wa wohl noch mal Glück gehabt!“, sagt der Polizist, der ihm auf hilft.

Glück gehabt. So nennt man das, wenn man ohne Helm über eine rote Ampel fährt und stürzt, als ein Polizist ihn stoppen will. Yusuf ist bedient. Das Licht vom Rad ist kaputt, die Jacke hat einen fetten Riss im Ärmel und in der Schule den dritten Mittwoch in Folge zu spät gewesen.

Die Mathearbeit in der fünften Stunde ist auch nicht gut gelaufen. Beim Ergebnisvergleich hatte selbst Jannis die selben Lösungen wie Horst. Dabei war er der einzige am Tisch, der manchmal in Mathe mit Horst gleichziehen konnte.

Das Fahrrad schiebt Yusuf jetzt nach Hause. Heute überführe ihn garantiert noch ein Auto, wenn er ohne Helm nach Hause fahren würde. Außerdem braucht er Zeit, diesen Tag zu verdauen und nachzudenken. Wenn er Pech hätte, hat Frau Hochgeschurz schon wegen der Verspätung angerufen. Baba wird dann gar nicht gut gelaunt sein. Dann wird er ihm wieder von Regeln und Gesetzen erzählen und sich neue Verbote und Vorschriften ausdenken, damit Yusuf das kapiert. Wer nicht hören will, muss fühlen. Dabei ist ihm doch einiges klar. Würde er jetzt auf Reset drücken, wäre das ein ganz anderer Mittwoch geworden.

Es wäre ganz leicht ein viel besserer Mittwoch geworden. Vielleicht sogar ein guter.


Die Schüler befinden sich teilweise in ähnlichen Situationen wie der Protagonist Yusuf. Altersgemäß haben oder ergeben sich Freiräume für sie, die sie in wechselseitiger Übereinstimmung mit Bezugsgruppe oder erziehenden Erwachsenen tarieren. Dabei spielt die heteronome Orientierung noch eine Rolle: Der Regelbruch aus hedonistischen Motiven heraus dient der individuellen Bedürfnisbefriedigung, aber auch der sozialen Anerkennung. In diesem Fall liegt beides vor, denn der Spaß am verbotenen Spiel und die Anerkennung durch den Freund Jannis ist Yusuf gewiss.

Yusuf bricht mit dem heimlichen Spiel zugleich eine Regel und ein Gesetz: Er spielt heimlich, damit sein Spielzeitkonto nicht verbraucht wird. Damit verletzt er eine Vereinbarung zwischen ihm und seinen Eltern. Das Spiel ist erst ab 18 Jahren frei und damit liegt eine Verletzung des Jugendschutzes vor. Fraglich ist bei Letzterem, ob es nun sein Onkel war, der sich dieses Verstoßes schuldig machte oder Yusuf gar noch einen Diebstahl beging, um an das Spiel zu kommen.

An dieser Stelle bietet es sich schon an, darüber zu reden, welche Wertung dieser einzelnen Regelbrüche / Gesetzesverstöße vorzunehmen ist. Wiegt der Vertrauensbruch oder die FSK-Vorschrift hier schwerer.

Danach vergisst er sein Frühstück und schadet damit seinem Körper, um im Straßenverkehr sein Leben zu riskieren, um die Regel der Pünktlichkeit in der Schule einzuhalten.

Durch das frühe Aufstehen, Spielen und die mangelnde Ernährung war dann möglicherweise die Konzentration für eine Mathearbeit nicht mehr gegeben.

Um sich diesen Themenbereichen zu nähren, sollten die Schüler mögliche Handlungsalternativen überlegen und die Folgen abschätzen.

Das ließe sich fragengeleitet bewerkstelligen:

1.) Warum spielt es für Yusuf so eine wichtige Rolle, dass er schon morgens ein verbotenes Spiel spielt?

Überlege was es für ihn bedeuten würde, wenn er das nicht spielen würde.

a) Was würde sein Freund Jannis und die anderen in der Klasse von ihm denken?

b) Wie würde es ihm selbst gehen?

c) Was für Folgen hätte es an diesem Tag?

2.) Warum ist das Frühstück für Yusuf so wichtig? Hätte ihm das Frühstück an diesem Tag helfen können?

3.) Warum fährt Yusuf bei Rot über die Ampel? Hat er Glück gehabt, wie es der Polizist sagt? Was wäre passiert, wenn er einfach an der Ampel gehalten hätte?

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Anhand dieser Geschichte lassen sich zudem anhand einer kriteriengeleiteten Mindmap verschiedene Formen und Erscheinungsweisen von Regeln finden.

Zum Beispiel:

– Regeln zum Schutz von Jugendlichen / Kindern

– Straßenverkehrsregeln

– Regeln mit/in der Familie

– Regeln in der Schule

– Regeln des gesunden Menschenverstandes

Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

Im Buch muss ich jetzt notgedrungen schon mal einen Sprung machen, da ich den Fragenkreis 3 berühre und die Wirksamkeit im Unterricht testen möchte. Horst hat sich schwer verliebt und versucht Amba zu beeindrucken. Die ist das in gewisser Form auch …

Thematisch geht es um die Frage nach dem guten Handeln und inhaltlich um „Wahrhaftigkeit und Lüge“. Orientiert habe ich mich am Praktische Philosophie Buch 1 aus dem Cornelsen Verlag. Dies kann auch gerne mit seinem Bildmaterial zu Mimese und Mimikry (s.68) und zur Differenzierung für stärkere SchülerInnen herangezogen werden (S. 69).

Für ein begleitendes Lesen nach dem Lüneburger Modell zur Leseförderung von Steffen Gailberger, habe ich hier den Text eingesprochen.

Für den Unterricht ist es zunächst interessant, ob die zunächst genannten Beispiele aus Horsts Klasse geeignet sind, um von Lüge zu sprechen. Eine Abgrenzung zwischen den Beispielen aus Horsts Klasse, die in gewissen Varianten immer etwas mit Anthromorphismus zu tun haben, wäre eine differenzierende Frage.

Die Beispiele Mimese und Mimikry lassen sich mit schönem Bildmaterial (davon ist das Netz voll) dazu einsetzen, mit eigenen Worten zu beschreiben, wie verschiedene Tiere sie anwenden. Das wäre eine Erweiterung der Methoden- und Sachkompetenz.

Der Bezug und die Anwendung der Begriffe Mimese und Mimikry auf den Menschen ist in der Geschichte angedeutet. Hier lassen sich Gründe finden, warum Amba ihre Umwelt auch gerne täuschen will. Selbstverständlich haben die Schüler auch eigene Situationen, in denen sie sehr gerne unsichtbar wären. Und viele Jungs wünschten sich sicher auch manchmal die Fähigkeit der Mimikry. Entsprechende Täuschungen lassen sich hervorragend beschreiben und natürlich auch im Unterricht diskutieren. Wichtig wäre hier der Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Und jetzt genug des Didaktisierens. Den Download gibt es hier:

Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

und los geht’s:

Können Tiere Lügen?“, fragt Herr Schreiber.

Zögerlich gehen ein paar Finger hoch.

Janine schnippt mit den Fingern und kommt prompt dran.

Also meine Oma, die kennt jemanden, der einen Papagei hat. Das ist in Oldenburg. Da war ich auch schon mal. Das ist ganz im Norden von Deutschland. Also da bin ich in den Ferien ganz alleine mit dem …“

Janine, komm zum Punkt!“, unterbricht Herr Schreiber.

Äh! Was meinen sie mit zum Punkt kommen?“

Janine ist nun verwirrt und die Klasse stöhnt genervt auf.

Ach ja, also, die hat einen Papagei und …“

Wer denn jetzt? Wer hat einen Papagei? Deine Oma oder …“, ruft Horst dazwischen und bekommt prompt eine gelbe Karte von Herrn Schreiber für die Störung.

Also, wer jetzt?“, fragt Herr Schreiber.

Der Bekannte meiner Oma! Also der Papagei redet immer so Sachen. Der sagt, dass er meine Oma lieb habe. Und dann beißt er ihr in den Finger. Das kann also gar nicht stimmen.“, setzt Janine stolz ihr Beispiel fort.

Autsch! Gutes Beispiel Der nächste.“

Nico kommt jetzt dran und sagt: „Wir haben eine Katze. Die heißt Inge. Jeden Morgen kommt die und will schmusen. Das heißt, eigentlich will die gar nicht gestreichelt werden. Die will nur Futter. Das ist ja auch nicht ganz die Wahrheit. Die lügt also auch.“

So langsam kommt der Unterricht in Fahrt und nacheinander erzählen Betül, Sila, Deniz und Jannis von Hunden, Wellensittichen und Katzen.

So ganz zufrieden wirkt Herr Schreiber aber nicht. Er fragt, ob denn jemand in der Klasse schon mal von Mimese und Mimikry gehört habe.

Damit löst er ziemlich betretenes Schweigen in der Klasse aus. Nur Horst meldet sich.

Okay, Horst! Dann erzähl mal!“

Horst drückt den Rücken durch und die Brust heraus und schaut siegesgewiss umher. Allerdings guckt ihn niemand außer Herr Schreiber an.

Ich habe das bei Wikipedia gelesen. Es gibt auch so Fliegen, die aussehen wie Wespen, aber keine sind. Die machen das, damit die Leute Angst vor ihr haben, weil die ja dann denken, weil die so aussieht, sticht die auch. Aber ich weiß jetzt nicht mehr, was das von beiden Wörtern war. Die hören sich so ähnlich an.“

Sehr gut, Horst. Wie immer sehr gut!“, lobt Herr Schreiber.

Stolz blickt Horst sich um und blickt lange in Richtung Amba. Die reagiert aber nicht darauf. Seitdem Horst ihr auf dem Schulhof seine Liebe vor allen Mitschülern gestand, wäre sie am liebsten dauerhaft unsichtbar.

Herr Schreiber lenkt die Aufmerksamkeit glücklicherweise von dem freudestrahlenden Horst und seiner verlegenen Sitznachbarin Amba.

Mimikry heißt das. Die Fliege sieht aus wie eine gefährliche Wespe und schlägt so ihre gefährlichen Feinde in die Flucht.“, erklärt er und beginnt eine Definition an die Tafel zu schreiben.

Im Schulbuch sehen sie dann Bilder von einem Schmetterling, der auch Mimikry anwendet und mit einem großen Auge auf den Flügeln verhindert, dass Tiere sie essen. Ambas Aufmerksamkeit wendet sich aber dem Foto von einer Stabheuschrecke zu. Die sieht aus wie der Ast, auf dem sie sitzt. Mimese heißt das. Tiere passen sich so der Umwelt an, dass sie nicht gesehen werden.

Mimese ist auch das, was sich Amba am liebsten wünschen würde. Sie müsste sich nur so der Klasse anpassen, dass Horst sie nicht mehr sehen könnte. Horst ließ ja keine Gelegenheit mehr aus, sie anzuglotzen und anzusprechen. Ständig wollte er etwas von ihr. Das war ihr so unangenehm. Vor allem, dass es jeder mitbekam. Dabei war sie ja fast unsichtbar. Nur einmal hatte sie mit Horst gesprochen. Nur ein einziges Mal hatte sie die Mimese nicht richtig angewandt. So gleiten ihre Gedanken auf einer Welle von Selbstmitleid getragen, bis der Gong sie erlöst und sie in die Freiheit entflieht.

Während Horst ihr verträumt hinterher schaut, macht Yusuf einen Kussmund in Richtung Horst und säuselt: „Oh, mein Horstie, ich liebe dich so sehr!“

So sehr liebt dich deine Amba, dass sie vor dir weg läuft.“, sagt Yusuf hinterher und prustet vor Lachen laut los.

Das merkt auch Horst, dessen Blick schnell wieder klar wird.

Er packt seine Sachen und denkt: “Wenn ich nur Mimikry könnte, würde euch jetzt das Lachen vergehen.“

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Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Also Kapitel 2 und Infos zu dem Vorhaben gibt es hier. Und zum besseren Verständnis sollte das wohl zuerst gelesen werden. Im zweiten Kapitel gibt Horst einen kleinen Einblick in sein Innenleben. Der eine sagt wohl, dass das spannend, fantasievoll und lehrreich ist, ein anderer mag entgegnen, es hier mit einem ganz schönem Klugscheißer zu tun zu haben. Ich denke beide haben recht.

 

2. Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Aber bevor ich berühmt werde, habe ich einiges zu ertragen. Meine Mitschüler halten mich für einen Streber und meine Lehrer für ein Genie. Vermutlich haben sie sogar recht. Lieber wäre es mir allerdings, hielten meine Mitschüler mich für ein Genie und die Lehrer für einen Streber. Vor einem Genie haben alle Respekt, auch wenn es Horst heißt, und einen Streber finden alle Lehrer toll.

Normalerweise kann mir das ja egal sein, aber ich bin nun mal gefangen in einem Körper eines Horsts, der 11 Jahre alt ist. Das bedeutet, alle Menschen halten mich für einen 11jährigen Horst: Mitschüler lästern, Mamas tätscheln und Lehrer loben mich für meine Schulnoten.

Das mag für einen 11jährigen Horst natürlich Alltag und irgendwie okay sein. Schließlich mobbt mich keiner. Mobben ist was für Schulbücher und Horste. Aber ich bin ja kein wirklicher Horst, sondern bin nur gefangen im Körper eines 11jährigen Horsts.

Der Gedanke tröstet mich. Ich stelle mir dann vor, dass meine Seele ist weit gereist und schließlich in diesem Körper gelandet ist. Nur so lässt sich erklären, warum ich so anders als die Anderen bin. Das ist sogar möglich. Das hat mir Amba aus meiner Klasse gesagt. Die ist aus Indien und Hinduistin.

Hm, eigentlich ist sie aus Köln, denn da ist sie geboren. Aber sie hat so dunkle Augen und dunklere Haut. Bestimmt sind ihre Eltern mal nach Köln gezogen und deswegen sagen alle, dass sie Inderin ist.

Hinduismus ist so was wie Christ oder Moslem sein, nur sind das die Inder und es ist mit vielen Göttern. Amba war zum Beispiel vorher sogar eine Göttin, sagt sie.

Wenn das wahr ist, sage ich, war ich bestimmt ein berühmter Wissenschaftler vor vielen hundert Jahren. Dahin reise ich dann zurück in Raum, Zeit und meinen alten Körper.

Ich bin dann Giordano Bruno und lebe 1570 in einem Kloster in Neapel, wo man früher lernte, wenn man so schlau ist wie ich. Schulen gab es da ja noch nicht. Die Seelen von Yusuf und Jannis sind da noch in Ratten und Schweinen. Da stört es auch nicht, wenn ich mit Steinen drauf werfe oder nach ihnen trete. Aber das mache ich gar nicht, denn ich lese die Bücher in Latein und werde noch klüger als ich schon bin.

Mein Tag sieht dann so aus: Ich stehe morgens auf, muss dann in dem Kloster erst mal beten, dann sauber machen, Kühe melken, Ratten vertreiben und Schweine schlachten, danach wieder beten, sauber machen, wieder beten und dann endlich lernen. Und wenn mir die Augen schon zufallen, muss ich noch barmherzig sein, Arme füttern und noch mal beten. So geht das jeden Tag.

Aber eines Tages bete ich so vor mich hin und dann erscheint mir Amba anstatt der heiligen Maria. Ich bin hin und weg. Amba ist knallig bunt und guckt gar nicht immer so bedröppelt wie die heilige Maria. Außerdem reitet sie auf einem Tiger.

Das beeindruckt mich und ich kann es fortan nicht erwarten, in meine Klosterkapelle zu kommen. Dort tauschen wir uns aus, weil wir ja beide unheimlich weise sind. Amba, weil sie eine Göttin ist, und ich, weil ich so viele Bücher gelesen habe.

Nach einer Weile, fange ich dann an zu glauben, dass wir alle Teil eines großen Weltgeists sind oder werden. Bei den Hindus heißt das Brahman und wenn man alles richtig gemacht hat, wird man dazu. Also zu Gott1.

Ich schreibe das alles also heimlich auf. Heimlich, weil sowas damals ziemlich verboten war. Damals durfte man noch nicht mal sagen, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Da wurde man bei lebendigem Leib verbrannt.

Also war ich auch noch super mutig. Schlau und mutig.

Deswegen habe ich auch die Schriften des heiligen Hieronymus ins Klo geschmissen, als ich entdeckt wurde und fliehen musste. Hieronymus war ein ziemlich wichtiger Typ für die Kirche, weswegen ich das auch ziemlich verwegen finde.

Ich floh also und reiste durch ganz Europa herum und erlebte wahnsinnig viele Abenteuer. Am Ende habe ich dann aber doch Heimweh nach Italien gekriegt und dort hat mich die Inquisition in die Finger gekriegt. Das waren bestimmt Nico und Deniz, die alten Petzen und Schleimer.

Natürlich habe ich auch unter schlimmster Folter nie geleugnet, was ich über Gott und den Weltgeist heraus fand. Amba hat mich im Kerker auch immer besucht und getröstet. Sonst hätte ich das nicht durchgehalten.

Und was ist der Dank? Die haben mich am Ende verbrannt. Und anstatt dass mein Atman , so heißt die unsterbliche Seele bei den Hindus, in den Brahman, also Weltgeist, aufgeht, werde ich in diesem Körper eines 11jährigen Horsts in diese Klasse 5b rein versetzt. Neben mir sitzt Amba, Nico und Deniz mir gegenüber und am Tische rechts boxt Jannis Yusuf in die Seite.

Vielleicht hätte ich das mit Hieronymus‘ Schriften nicht machen sollen.

Das ist trotzdem nicht fair.

Einsatz im Unterricht

Thematisch ist es im Fragenkreis 1 – Die Frage nach dem Selbst: Ich und mein Leben zuzuordnen.

Im Unterricht lassen sich idealerweise personale Kompetenzen, wie das Beschreiben eigener Stärken thematisieren. Dabei dürfen SuS auch ihre kulturellen / religiösen Wurzeln mit einfließen lassen und damit einen Beitrag zur Sachkompetenz leisten. Methodisch wird ein Gedankenexperiment eingefügt, sodass schon in einer frühen Phase kontrafaktisches Denken eingeübt werden kann, indem die sich die Schüler vorstellen können, in welche Rolle sie schlüpfen würden, könnte ihre Seele wandern. Mit dem Hinduismus wird eine nicht-monotheistische Religion eingeführt, die vielen SuS nicht bekannt ist, obwohl sie die drittstärkste Glaubensgemeinschaft ist. Und mit Giordano Bruno wird ein Wegbereiter der Aufklärung und des Humanismus namentlich (freilich im kontrafaktischem Szenario) eingeführt.

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1GottIch verwende Gott synonym mit Allah, Jahwe und all den anderen Namen der monotheistischen Religionen.
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