Mittwoch – Ein guter Tag

Es geht weiter mit den wilden Sprüngen. Das liegt daran, dass ich in zwei parallelen Lerngruppen, ausprobiere, inwieweit sich die Idee des Buches realisieren lässt und wie sie im Alltag ankommt.

Es kommt nun also in zwei Lerngruppen der 5. Jahrgangsstufe jeweils ein anderer Fragenkreis mit dazugehörigem Thema zum Einsatz.

Einmal ist es das Thema ‚Wahrhaftigkeit und Lüge“ und in diesem Teil beginnt das Thema „Regeln und Gesetze“ (Fragenkreis 4 – Die Frage nach Recht, Staat und Wirtschaft).

Idealerweise kann ich dann aus den Erfahrungen, direkte Anpassungen vornehmen, sodass eine jeweils optimierte Version entsteht, die dann die andere Lerngruppe bekommt.

Mit Yusuf kommt ein Tischnachbar von Horst und Amba erstmalig ins Spiel. Mit seinem Bro Jannis gehört er zu den lebhafteren Jungs in der Klasse. Seine Eltern betreiben einen kleinen Gemüseladen, der sie zeitlich ziemlich in Anspruch nimmt. Dadurch ergeben sich manche Freiräume für Yusuf, die er gerne schon mal nutzt. Auf der anderen Seite ist Yusuf auch immer wieder eingespannt, innerhalb des Familienbetriebs zu helfen. Das führt bei ihm zu einem Spannungsfeld zwischen sehr verantwortlichem Handeln und einem ausgeprägtem Drang sich auszuprobieren.

Die Geschichte gibt es hier als PDF:Mittwoch – Ein guter Tag

Und die Hördatei hier:

Unter der Geschichte gibt es didaktische Überlegungen zum Einsatz im Unterricht.


 

Mittwoch – Ein guter Tag

Mittwochmorgen war der beste. Gerade eben war er noch Trevor und auf einer Mission in Los Santos unterwegs. Er hatte sich einfach einem Porsche in den Weg gestellt. Der machte eine Vollbremsung, blieb stehen und Trevor schlug die Scheibe an der Fahrertür ein und riss den Fahrer raus, um dann mit quietschenden Reifen selbst los zu fahren. Yeah!

Anne ve baba sind zwei Mal in der Woche schon um vier Uhr morgens zum Markt unterwegs, um dem Onkel zu helfen. Der Familie muss man helfen. Samstag muss Yusuf auch so früh mit, um zu helfen. Samstag hasst er darum. Aber Mittwoch ist ein guter Tag. Da ist Yusuf vor der Schule allein zu Hause und kann zocken, bis die Schule anfängt.

Das weiß dann ja keiner, also zählt es auch nicht zu der Stunde, die er jeden Tag spielen darf. Und wenn es schon nicht zu der Stunde Spielzeit gehört, dann ist es auch nicht schlimm, dass das Spiel vom Onkel ist. Ab 18 prangt das rote Siegel auf der Hülle zum Spiel. Jannis sagt immer, dass er nur Spiele ab 18 spielt. Alle anderen sind für Opfer, Lappen und Mädchen. Opfer wie Nico, der alle verpetzt, die mal die Hausaufgaben nicht haben oder gegen die Klassenregeln verstoßen. Der spielt bestimmt nur Mario und hält sich auch an die Zeit, wenn Mama nichts sagt. Amba spielt bestimmt nur so Spiele ab 0: Prinzessin Lillifee oder so. Buah!

Horst, der Psycho, spielt gar nicht. Der macht nur so Mathe und guckt bei Wikipedia im Internet.

Yusuf darf nur Spiele mit grünen Aufklebern ab 12. Obwohl er erst elf ist, denn Anne sagt, er sei ja schon so groß.

Aber Leute abknallen, Regeln brechen und machen was man will, das alles geht frühestens ab 16 Jahren. So ein Quatsch. Bro Jannis sagt immer, man darf alles, nur nicht sich erwischen lassen. Bang! Wie in GTA. Und wenn einen die Polizei da erwischt, muss man nur schnell weg. Ein paar Fußgänger platt fahren und irgendwann hört die Polizeisirene auf zu tönen.

Aber jetzt ist es spät, beinahe zu spät und seine Haare wehen im Wind, während er in die Pedalen tritt. Das Frühstück ist liegen geblieben, obwohl er nie ohne anständiges Frühstück aus dem Haus soll. Die Brotdose mit dem Obst aus dem Laden hat er auch vergessen. Was soll’s? Da er nichts gegessen hat, muss er wenigstens nicht seine Zähne putzen. Die soll er ja schließlich immer nach dem Essen reinigen.

Yusuf fühlt sich gut. Er wird es noch schaffen, rechtzeitig in die Klasse zu kommen. Nur noch die Ampelkreuzung. Die schafft er locker noch bei Gelb. Als sie auf Rot umspringt, muss er noch schneller treten. Es dauert immer ein paar Sekunden, bis die Autos von rechts und links los dürfen, denn die haben noch kurz Rot.

Er schafft es so gerade. Nur eine erzürnte Hupe und er ist drüber. Geschafft. Yusuf fühlt sich unbesiegbar. Wer braucht schon Regeln?

Da muss er plötzlich in die Bremsen treten, weil da so ein Typ einfach auf den Radweg tritt. Mist, das darf der nicht. WTF!

Jetzt geht alles ganz schnell. Sein Rad gerät ins Schlingern. Der Boden ist nass und er rutscht seitlich hin, gleitet noch ein paar Meter über den Boden und kommt an einem Paar schwarze Schuh zum Stoppen.

Yusuf ist noch ganz verdattert. Ob alles in Ordnung sei, fragt eine männliche Stimme.

Obwohl er es eigentlich nicht weiß, nickt er und schon helfen Ihm ein paar behandschuhte Hände hoch.

„Tja, mein Freund. Da ham wa wohl noch mal Glück gehabt!“, sagt der Polizist, der ihm auf hilft.

Glück gehabt. So nennt man das, wenn man ohne Helm über eine rote Ampel fährt und stürzt, als ein Polizist ihn stoppen will. Yusuf ist bedient. Das Licht vom Rad ist kaputt, die Jacke hat einen fetten Riss im Ärmel und in der Schule den dritten Mittwoch in Folge zu spät gewesen.

Die Mathearbeit in der fünften Stunde ist auch nicht gut gelaufen. Beim Ergebnisvergleich hatte selbst Jannis die selben Lösungen wie Horst. Dabei war er der einzige am Tisch, der manchmal in Mathe mit Horst gleichziehen konnte.

Das Fahrrad schiebt Yusuf jetzt nach Hause. Heute überführe ihn garantiert noch ein Auto, wenn er ohne Helm nach Hause fahren würde. Außerdem braucht er Zeit, diesen Tag zu verdauen und nachzudenken. Wenn er Pech hätte, hat Frau Hochgeschurz schon wegen der Verspätung angerufen. Baba wird dann gar nicht gut gelaunt sein. Dann wird er ihm wieder von Regeln und Gesetzen erzählen und sich neue Verbote und Vorschriften ausdenken, damit Yusuf das kapiert. Wer nicht hören will, muss fühlen. Dabei ist ihm doch einiges klar. Würde er jetzt auf Reset drücken, wäre das ein ganz anderer Mittwoch geworden.

Es wäre ganz leicht ein viel besserer Mittwoch geworden. Vielleicht sogar ein guter.


Die Schüler befinden sich teilweise in ähnlichen Situationen wie der Protagonist Yusuf. Altersgemäß haben oder ergeben sich Freiräume für sie, die sie in wechselseitiger Übereinstimmung mit Bezugsgruppe oder erziehenden Erwachsenen tarieren. Dabei spielt die heteronome Orientierung noch eine Rolle: Der Regelbruch aus hedonistischen Motiven heraus dient der individuellen Bedürfnisbefriedigung, aber auch der sozialen Anerkennung. In diesem Fall liegt beides vor, denn der Spaß am verbotenen Spiel und die Anerkennung durch den Freund Jannis ist Yusuf gewiss.

Yusuf bricht mit dem heimlichen Spiel zugleich eine Regel und ein Gesetz: Er spielt heimlich, damit sein Spielzeitkonto nicht verbraucht wird. Damit verletzt er eine Vereinbarung zwischen ihm und seinen Eltern. Das Spiel ist erst ab 18 Jahren frei und damit liegt eine Verletzung des Jugendschutzes vor. Fraglich ist bei Letzterem, ob es nun sein Onkel war, der sich dieses Verstoßes schuldig machte oder Yusuf gar noch einen Diebstahl beging, um an das Spiel zu kommen.

An dieser Stelle bietet es sich schon an, darüber zu reden, welche Wertung dieser einzelnen Regelbrüche / Gesetzesverstöße vorzunehmen ist. Wiegt der Vertrauensbruch oder die FSK-Vorschrift hier schwerer.

Danach vergisst er sein Frühstück und schadet damit seinem Körper, um im Straßenverkehr sein Leben zu riskieren, um die Regel der Pünktlichkeit in der Schule einzuhalten.

Durch das frühe Aufstehen, Spielen und die mangelnde Ernährung war dann möglicherweise die Konzentration für eine Mathearbeit nicht mehr gegeben.

Um sich diesen Themenbereichen zu nähren, sollten die Schüler mögliche Handlungsalternativen überlegen und die Folgen abschätzen.

Das ließe sich fragengeleitet bewerkstelligen:

1.) Warum spielt es für Yusuf so eine wichtige Rolle, dass er schon morgens ein verbotenes Spiel spielt?

Überlege was es für ihn bedeuten würde, wenn er das nicht spielen würde.

a) Was würde sein Freund Jannis und die anderen in der Klasse von ihm denken?

b) Wie würde es ihm selbst gehen?

c) Was für Folgen hätte es an diesem Tag?

2.) Warum ist das Frühstück für Yusuf so wichtig? Hätte ihm das Frühstück an diesem Tag helfen können?

3.) Warum fährt Yusuf bei Rot über die Ampel? Hat er Glück gehabt, wie es der Polizist sagt? Was wäre passiert, wenn er einfach an der Ampel gehalten hätte?

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Anhand dieser Geschichte lassen sich zudem anhand einer kriteriengeleiteten Mindmap verschiedene Formen und Erscheinungsweisen von Regeln finden.

Zum Beispiel:

– Regeln zum Schutz von Jugendlichen / Kindern

– Straßenverkehrsregeln

– Regeln mit/in der Familie

– Regeln in der Schule

– Regeln des gesunden Menschenverstandes

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