Der Verdacht: Wer war der Täter?

Es geht weiter mit dem Thema “Wahrhaftigkeit und Lüge” (Fragenkreis 3). Nachdem die Schüler mit Amba mitgelitten haben und auch nach der Lektüre die Begriffe Mimese und Mimikry durchaus auch auf ihr eigenes Leben anwenden konnten, geht es jetzt direkt mit der armen Amba weiter. Diesmal wird ihr ein übler Streich gespielt und ihre Tischnachbarn Nico und Jannis geraten in Verdacht, Täter gewesen zu sein.

Für die Schüler heißt es nun, Detektiv zu spielen und das Verhör der Klassenlehrerin mitzulesen, um danach das Verhalten der beiden Schüler zu Vergleichen. Kann man also den Lügner an seinem Verhalten erkennen?

 

Dazu gibt es hier die Tondatei:

 

Und hier ein pdf mit Arbeitsauftrag: Der Verdacht- Sichtbares Luegen

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Mittwoch – Ein guter Tag

Es geht weiter mit den wilden Sprüngen. Das liegt daran, dass ich in zwei parallelen Lerngruppen, ausprobiere, inwieweit sich die Idee des Buches realisieren lässt und wie sie im Alltag ankommt.

Es kommt nun also in zwei Lerngruppen der 5. Jahrgangsstufe jeweils ein anderer Fragenkreis mit dazugehörigem Thema zum Einsatz.

Einmal ist es das Thema ‚Wahrhaftigkeit und Lüge“ und in diesem Teil beginnt das Thema „Regeln und Gesetze“ (Fragenkreis 4 – Die Frage nach Recht, Staat und Wirtschaft).

Idealerweise kann ich dann aus den Erfahrungen, direkte Anpassungen vornehmen, sodass eine jeweils optimierte Version entsteht, die dann die andere Lerngruppe bekommt.

Mit Yusuf kommt ein Tischnachbar von Horst und Amba erstmalig ins Spiel. Mit seinem Bro Jannis gehört er zu den lebhafteren Jungs in der Klasse. Seine Eltern betreiben einen kleinen Gemüseladen, der sie zeitlich ziemlich in Anspruch nimmt. Dadurch ergeben sich manche Freiräume für Yusuf, die er gerne schon mal nutzt. Auf der anderen Seite ist Yusuf auch immer wieder eingespannt, innerhalb des Familienbetriebs zu helfen. Das führt bei ihm zu einem Spannungsfeld zwischen sehr verantwortlichem Handeln und einem ausgeprägtem Drang sich auszuprobieren.

Die Geschichte gibt es hier als PDF:Mittwoch – Ein guter Tag

Und die Hördatei hier:

Unter der Geschichte gibt es didaktische Überlegungen zum Einsatz im Unterricht.


 

Mittwoch – Ein guter Tag

Mittwochmorgen war der beste. Gerade eben war er noch Trevor und auf einer Mission in Los Santos unterwegs. Er hatte sich einfach einem Porsche in den Weg gestellt. Der machte eine Vollbremsung, blieb stehen und Trevor schlug die Scheibe an der Fahrertür ein und riss den Fahrer raus, um dann mit quietschenden Reifen selbst los zu fahren. Yeah!

Anne ve baba sind zwei Mal in der Woche schon um vier Uhr morgens zum Markt unterwegs, um dem Onkel zu helfen. Der Familie muss man helfen. Samstag muss Yusuf auch so früh mit, um zu helfen. Samstag hasst er darum. Aber Mittwoch ist ein guter Tag. Da ist Yusuf vor der Schule allein zu Hause und kann zocken, bis die Schule anfängt.

Das weiß dann ja keiner, also zählt es auch nicht zu der Stunde, die er jeden Tag spielen darf. Und wenn es schon nicht zu der Stunde Spielzeit gehört, dann ist es auch nicht schlimm, dass das Spiel vom Onkel ist. Ab 18 prangt das rote Siegel auf der Hülle zum Spiel. Jannis sagt immer, dass er nur Spiele ab 18 spielt. Alle anderen sind für Opfer, Lappen und Mädchen. Opfer wie Nico, der alle verpetzt, die mal die Hausaufgaben nicht haben oder gegen die Klassenregeln verstoßen. Der spielt bestimmt nur Mario und hält sich auch an die Zeit, wenn Mama nichts sagt. Amba spielt bestimmt nur so Spiele ab 0: Prinzessin Lillifee oder so. Buah!

Horst, der Psycho, spielt gar nicht. Der macht nur so Mathe und guckt bei Wikipedia im Internet.

Yusuf darf nur Spiele mit grünen Aufklebern ab 12. Obwohl er erst elf ist, denn Anne sagt, er sei ja schon so groß.

Aber Leute abknallen, Regeln brechen und machen was man will, das alles geht frühestens ab 16 Jahren. So ein Quatsch. Bro Jannis sagt immer, man darf alles, nur nicht sich erwischen lassen. Bang! Wie in GTA. Und wenn einen die Polizei da erwischt, muss man nur schnell weg. Ein paar Fußgänger platt fahren und irgendwann hört die Polizeisirene auf zu tönen.

Aber jetzt ist es spät, beinahe zu spät und seine Haare wehen im Wind, während er in die Pedalen tritt. Das Frühstück ist liegen geblieben, obwohl er nie ohne anständiges Frühstück aus dem Haus soll. Die Brotdose mit dem Obst aus dem Laden hat er auch vergessen. Was soll’s? Da er nichts gegessen hat, muss er wenigstens nicht seine Zähne putzen. Die soll er ja schließlich immer nach dem Essen reinigen.

Yusuf fühlt sich gut. Er wird es noch schaffen, rechtzeitig in die Klasse zu kommen. Nur noch die Ampelkreuzung. Die schafft er locker noch bei Gelb. Als sie auf Rot umspringt, muss er noch schneller treten. Es dauert immer ein paar Sekunden, bis die Autos von rechts und links los dürfen, denn die haben noch kurz Rot.

Er schafft es so gerade. Nur eine erzürnte Hupe und er ist drüber. Geschafft. Yusuf fühlt sich unbesiegbar. Wer braucht schon Regeln?

Da muss er plötzlich in die Bremsen treten, weil da so ein Typ einfach auf den Radweg tritt. Mist, das darf der nicht. WTF!

Jetzt geht alles ganz schnell. Sein Rad gerät ins Schlingern. Der Boden ist nass und er rutscht seitlich hin, gleitet noch ein paar Meter über den Boden und kommt an einem Paar schwarze Schuh zum Stoppen.

Yusuf ist noch ganz verdattert. Ob alles in Ordnung sei, fragt eine männliche Stimme.

Obwohl er es eigentlich nicht weiß, nickt er und schon helfen Ihm ein paar behandschuhte Hände hoch.

„Tja, mein Freund. Da ham wa wohl noch mal Glück gehabt!“, sagt der Polizist, der ihm auf hilft.

Glück gehabt. So nennt man das, wenn man ohne Helm über eine rote Ampel fährt und stürzt, als ein Polizist ihn stoppen will. Yusuf ist bedient. Das Licht vom Rad ist kaputt, die Jacke hat einen fetten Riss im Ärmel und in der Schule den dritten Mittwoch in Folge zu spät gewesen.

Die Mathearbeit in der fünften Stunde ist auch nicht gut gelaufen. Beim Ergebnisvergleich hatte selbst Jannis die selben Lösungen wie Horst. Dabei war er der einzige am Tisch, der manchmal in Mathe mit Horst gleichziehen konnte.

Das Fahrrad schiebt Yusuf jetzt nach Hause. Heute überführe ihn garantiert noch ein Auto, wenn er ohne Helm nach Hause fahren würde. Außerdem braucht er Zeit, diesen Tag zu verdauen und nachzudenken. Wenn er Pech hätte, hat Frau Hochgeschurz schon wegen der Verspätung angerufen. Baba wird dann gar nicht gut gelaunt sein. Dann wird er ihm wieder von Regeln und Gesetzen erzählen und sich neue Verbote und Vorschriften ausdenken, damit Yusuf das kapiert. Wer nicht hören will, muss fühlen. Dabei ist ihm doch einiges klar. Würde er jetzt auf Reset drücken, wäre das ein ganz anderer Mittwoch geworden.

Es wäre ganz leicht ein viel besserer Mittwoch geworden. Vielleicht sogar ein guter.


Die Schüler befinden sich teilweise in ähnlichen Situationen wie der Protagonist Yusuf. Altersgemäß haben oder ergeben sich Freiräume für sie, die sie in wechselseitiger Übereinstimmung mit Bezugsgruppe oder erziehenden Erwachsenen tarieren. Dabei spielt die heteronome Orientierung noch eine Rolle: Der Regelbruch aus hedonistischen Motiven heraus dient der individuellen Bedürfnisbefriedigung, aber auch der sozialen Anerkennung. In diesem Fall liegt beides vor, denn der Spaß am verbotenen Spiel und die Anerkennung durch den Freund Jannis ist Yusuf gewiss.

Yusuf bricht mit dem heimlichen Spiel zugleich eine Regel und ein Gesetz: Er spielt heimlich, damit sein Spielzeitkonto nicht verbraucht wird. Damit verletzt er eine Vereinbarung zwischen ihm und seinen Eltern. Das Spiel ist erst ab 18 Jahren frei und damit liegt eine Verletzung des Jugendschutzes vor. Fraglich ist bei Letzterem, ob es nun sein Onkel war, der sich dieses Verstoßes schuldig machte oder Yusuf gar noch einen Diebstahl beging, um an das Spiel zu kommen.

An dieser Stelle bietet es sich schon an, darüber zu reden, welche Wertung dieser einzelnen Regelbrüche / Gesetzesverstöße vorzunehmen ist. Wiegt der Vertrauensbruch oder die FSK-Vorschrift hier schwerer.

Danach vergisst er sein Frühstück und schadet damit seinem Körper, um im Straßenverkehr sein Leben zu riskieren, um die Regel der Pünktlichkeit in der Schule einzuhalten.

Durch das frühe Aufstehen, Spielen und die mangelnde Ernährung war dann möglicherweise die Konzentration für eine Mathearbeit nicht mehr gegeben.

Um sich diesen Themenbereichen zu nähren, sollten die Schüler mögliche Handlungsalternativen überlegen und die Folgen abschätzen.

Das ließe sich fragengeleitet bewerkstelligen:

1.) Warum spielt es für Yusuf so eine wichtige Rolle, dass er schon morgens ein verbotenes Spiel spielt?

Überlege was es für ihn bedeuten würde, wenn er das nicht spielen würde.

a) Was würde sein Freund Jannis und die anderen in der Klasse von ihm denken?

b) Wie würde es ihm selbst gehen?

c) Was für Folgen hätte es an diesem Tag?

2.) Warum ist das Frühstück für Yusuf so wichtig? Hätte ihm das Frühstück an diesem Tag helfen können?

3.) Warum fährt Yusuf bei Rot über die Ampel? Hat er Glück gehabt, wie es der Polizist sagt? Was wäre passiert, wenn er einfach an der Ampel gehalten hätte?

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Anhand dieser Geschichte lassen sich zudem anhand einer kriteriengeleiteten Mindmap verschiedene Formen und Erscheinungsweisen von Regeln finden.

Zum Beispiel:

– Regeln zum Schutz von Jugendlichen / Kindern

– Straßenverkehrsregeln

– Regeln mit/in der Familie

– Regeln in der Schule

– Regeln des gesunden Menschenverstandes

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Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

Im Buch muss ich jetzt notgedrungen schon mal einen Sprung machen, da ich den Fragenkreis 3 berühre und die Wirksamkeit im Unterricht testen möchte. Horst hat sich schwer verliebt und versucht Amba zu beeindrucken. Die ist das in gewisser Form auch …

Thematisch geht es um die Frage nach dem guten Handeln und inhaltlich um „Wahrhaftigkeit und Lüge“. Orientiert habe ich mich am Praktische Philosophie Buch 1 aus dem Cornelsen Verlag. Dies kann auch gerne mit seinem Bildmaterial zu Mimese und Mimikry (s.68) und zur Differenzierung für stärkere SchülerInnen herangezogen werden (S. 69).

Für ein begleitendes Lesen nach dem Lüneburger Modell zur Leseförderung von Steffen Gailberger, habe ich hier den Text eingesprochen.

Für den Unterricht ist es zunächst interessant, ob die zunächst genannten Beispiele aus Horsts Klasse geeignet sind, um von Lüge zu sprechen. Eine Abgrenzung zwischen den Beispielen aus Horsts Klasse, die in gewissen Varianten immer etwas mit Anthromorphismus zu tun haben, wäre eine differenzierende Frage.

Die Beispiele Mimese und Mimikry lassen sich mit schönem Bildmaterial (davon ist das Netz voll) dazu einsetzen, mit eigenen Worten zu beschreiben, wie verschiedene Tiere sie anwenden. Das wäre eine Erweiterung der Methoden- und Sachkompetenz.

Der Bezug und die Anwendung der Begriffe Mimese und Mimikry auf den Menschen ist in der Geschichte angedeutet. Hier lassen sich Gründe finden, warum Amba ihre Umwelt auch gerne täuschen will. Selbstverständlich haben die Schüler auch eigene Situationen, in denen sie sehr gerne unsichtbar wären. Und viele Jungs wünschten sich sicher auch manchmal die Fähigkeit der Mimikry. Entsprechende Täuschungen lassen sich hervorragend beschreiben und natürlich auch im Unterricht diskutieren. Wichtig wäre hier der Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Und jetzt genug des Didaktisierens. Den Download gibt es hier:

Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

und los geht’s:

Können Tiere Lügen?“, fragt Herr Schreiber.

Zögerlich gehen ein paar Finger hoch.

Janine schnippt mit den Fingern und kommt prompt dran.

Also meine Oma, die kennt jemanden, der einen Papagei hat. Das ist in Oldenburg. Da war ich auch schon mal. Das ist ganz im Norden von Deutschland. Also da bin ich in den Ferien ganz alleine mit dem …“

Janine, komm zum Punkt!“, unterbricht Herr Schreiber.

Äh! Was meinen sie mit zum Punkt kommen?“

Janine ist nun verwirrt und die Klasse stöhnt genervt auf.

Ach ja, also, die hat einen Papagei und …“

Wer denn jetzt? Wer hat einen Papagei? Deine Oma oder …“, ruft Horst dazwischen und bekommt prompt eine gelbe Karte von Herrn Schreiber für die Störung.

Also, wer jetzt?“, fragt Herr Schreiber.

Der Bekannte meiner Oma! Also der Papagei redet immer so Sachen. Der sagt, dass er meine Oma lieb habe. Und dann beißt er ihr in den Finger. Das kann also gar nicht stimmen.“, setzt Janine stolz ihr Beispiel fort.

Autsch! Gutes Beispiel Der nächste.“

Nico kommt jetzt dran und sagt: „Wir haben eine Katze. Die heißt Inge. Jeden Morgen kommt die und will schmusen. Das heißt, eigentlich will die gar nicht gestreichelt werden. Die will nur Futter. Das ist ja auch nicht ganz die Wahrheit. Die lügt also auch.“

So langsam kommt der Unterricht in Fahrt und nacheinander erzählen Betül, Sila, Deniz und Jannis von Hunden, Wellensittichen und Katzen.

So ganz zufrieden wirkt Herr Schreiber aber nicht. Er fragt, ob denn jemand in der Klasse schon mal von Mimese und Mimikry gehört habe.

Damit löst er ziemlich betretenes Schweigen in der Klasse aus. Nur Horst meldet sich.

Okay, Horst! Dann erzähl mal!“

Horst drückt den Rücken durch und die Brust heraus und schaut siegesgewiss umher. Allerdings guckt ihn niemand außer Herr Schreiber an.

Ich habe das bei Wikipedia gelesen. Es gibt auch so Fliegen, die aussehen wie Wespen, aber keine sind. Die machen das, damit die Leute Angst vor ihr haben, weil die ja dann denken, weil die so aussieht, sticht die auch. Aber ich weiß jetzt nicht mehr, was das von beiden Wörtern war. Die hören sich so ähnlich an.“

Sehr gut, Horst. Wie immer sehr gut!“, lobt Herr Schreiber.

Stolz blickt Horst sich um und blickt lange in Richtung Amba. Die reagiert aber nicht darauf. Seitdem Horst ihr auf dem Schulhof seine Liebe vor allen Mitschülern gestand, wäre sie am liebsten dauerhaft unsichtbar.

Herr Schreiber lenkt die Aufmerksamkeit glücklicherweise von dem freudestrahlenden Horst und seiner verlegenen Sitznachbarin Amba.

Mimikry heißt das. Die Fliege sieht aus wie eine gefährliche Wespe und schlägt so ihre gefährlichen Feinde in die Flucht.“, erklärt er und beginnt eine Definition an die Tafel zu schreiben.

Im Schulbuch sehen sie dann Bilder von einem Schmetterling, der auch Mimikry anwendet und mit einem großen Auge auf den Flügeln verhindert, dass Tiere sie essen. Ambas Aufmerksamkeit wendet sich aber dem Foto von einer Stabheuschrecke zu. Die sieht aus wie der Ast, auf dem sie sitzt. Mimese heißt das. Tiere passen sich so der Umwelt an, dass sie nicht gesehen werden.

Mimese ist auch das, was sich Amba am liebsten wünschen würde. Sie müsste sich nur so der Klasse anpassen, dass Horst sie nicht mehr sehen könnte. Horst ließ ja keine Gelegenheit mehr aus, sie anzuglotzen und anzusprechen. Ständig wollte er etwas von ihr. Das war ihr so unangenehm. Vor allem, dass es jeder mitbekam. Dabei war sie ja fast unsichtbar. Nur einmal hatte sie mit Horst gesprochen. Nur ein einziges Mal hatte sie die Mimese nicht richtig angewandt. So gleiten ihre Gedanken auf einer Welle von Selbstmitleid getragen, bis der Gong sie erlöst und sie in die Freiheit entflieht.

Während Horst ihr verträumt hinterher schaut, macht Yusuf einen Kussmund in Richtung Horst und säuselt: „Oh, mein Horstie, ich liebe dich so sehr!“

So sehr liebt dich deine Amba, dass sie vor dir weg läuft.“, sagt Yusuf hinterher und prustet vor Lachen laut los.

Das merkt auch Horst, dessen Blick schnell wieder klar wird.

Er packt seine Sachen und denkt: “Wenn ich nur Mimikry könnte, würde euch jetzt das Lachen vergehen.“

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Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Also Kapitel 2 und Infos zu dem Vorhaben gibt es hier. Und zum besseren Verständnis sollte das wohl zuerst gelesen werden. Im zweiten Kapitel gibt Horst einen kleinen Einblick in sein Innenleben. Der eine sagt wohl, dass das spannend, fantasievoll und lehrreich ist, ein anderer mag entgegnen, es hier mit einem ganz schönem Klugscheißer zu tun zu haben. Ich denke beide haben recht.

 

2. Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Aber bevor ich berühmt werde, habe ich einiges zu ertragen. Meine Mitschüler halten mich für einen Streber und meine Lehrer für ein Genie. Vermutlich haben sie sogar recht. Lieber wäre es mir allerdings, hielten meine Mitschüler mich für ein Genie und die Lehrer für einen Streber. Vor einem Genie haben alle Respekt, auch wenn es Horst heißt, und einen Streber finden alle Lehrer toll.

Normalerweise kann mir das ja egal sein, aber ich bin nun mal gefangen in einem Körper eines Horsts, der 11 Jahre alt ist. Das bedeutet, alle Menschen halten mich für einen 11jährigen Horst: Mitschüler lästern, Mamas tätscheln und Lehrer loben mich für meine Schulnoten.

Das mag für einen 11jährigen Horst natürlich Alltag und irgendwie okay sein. Schließlich mobbt mich keiner. Mobben ist was für Schulbücher und Horste. Aber ich bin ja kein wirklicher Horst, sondern bin nur gefangen im Körper eines 11jährigen Horsts.

Der Gedanke tröstet mich. Ich stelle mir dann vor, dass meine Seele ist weit gereist und schließlich in diesem Körper gelandet ist. Nur so lässt sich erklären, warum ich so anders als die Anderen bin. Das ist sogar möglich. Das hat mir Amba aus meiner Klasse gesagt. Die ist aus Indien und Hinduistin.

Hm, eigentlich ist sie aus Köln, denn da ist sie geboren. Aber sie hat so dunkle Augen und dunklere Haut. Bestimmt sind ihre Eltern mal nach Köln gezogen und deswegen sagen alle, dass sie Inderin ist.

Hinduismus ist so was wie Christ oder Moslem sein, nur sind das die Inder und es ist mit vielen Göttern. Amba war zum Beispiel vorher sogar eine Göttin, sagt sie.

Wenn das wahr ist, sage ich, war ich bestimmt ein berühmter Wissenschaftler vor vielen hundert Jahren. Dahin reise ich dann zurück in Raum, Zeit und meinen alten Körper.

Ich bin dann Giordano Bruno und lebe 1570 in einem Kloster in Neapel, wo man früher lernte, wenn man so schlau ist wie ich. Schulen gab es da ja noch nicht. Die Seelen von Yusuf und Jannis sind da noch in Ratten und Schweinen. Da stört es auch nicht, wenn ich mit Steinen drauf werfe oder nach ihnen trete. Aber das mache ich gar nicht, denn ich lese die Bücher in Latein und werde noch klüger als ich schon bin.

Mein Tag sieht dann so aus: Ich stehe morgens auf, muss dann in dem Kloster erst mal beten, dann sauber machen, Kühe melken, Ratten vertreiben und Schweine schlachten, danach wieder beten, sauber machen, wieder beten und dann endlich lernen. Und wenn mir die Augen schon zufallen, muss ich noch barmherzig sein, Arme füttern und noch mal beten. So geht das jeden Tag.

Aber eines Tages bete ich so vor mich hin und dann erscheint mir Amba anstatt der heiligen Maria. Ich bin hin und weg. Amba ist knallig bunt und guckt gar nicht immer so bedröppelt wie die heilige Maria. Außerdem reitet sie auf einem Tiger.

Das beeindruckt mich und ich kann es fortan nicht erwarten, in meine Klosterkapelle zu kommen. Dort tauschen wir uns aus, weil wir ja beide unheimlich weise sind. Amba, weil sie eine Göttin ist, und ich, weil ich so viele Bücher gelesen habe.

Nach einer Weile, fange ich dann an zu glauben, dass wir alle Teil eines großen Weltgeists sind oder werden. Bei den Hindus heißt das Brahman und wenn man alles richtig gemacht hat, wird man dazu. Also zu Gott1.

Ich schreibe das alles also heimlich auf. Heimlich, weil sowas damals ziemlich verboten war. Damals durfte man noch nicht mal sagen, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Da wurde man bei lebendigem Leib verbrannt.

Also war ich auch noch super mutig. Schlau und mutig.

Deswegen habe ich auch die Schriften des heiligen Hieronymus ins Klo geschmissen, als ich entdeckt wurde und fliehen musste. Hieronymus war ein ziemlich wichtiger Typ für die Kirche, weswegen ich das auch ziemlich verwegen finde.

Ich floh also und reiste durch ganz Europa herum und erlebte wahnsinnig viele Abenteuer. Am Ende habe ich dann aber doch Heimweh nach Italien gekriegt und dort hat mich die Inquisition in die Finger gekriegt. Das waren bestimmt Nico und Deniz, die alten Petzen und Schleimer.

Natürlich habe ich auch unter schlimmster Folter nie geleugnet, was ich über Gott und den Weltgeist heraus fand. Amba hat mich im Kerker auch immer besucht und getröstet. Sonst hätte ich das nicht durchgehalten.

Und was ist der Dank? Die haben mich am Ende verbrannt. Und anstatt dass mein Atman , so heißt die unsterbliche Seele bei den Hindus, in den Brahman, also Weltgeist, aufgeht, werde ich in diesem Körper eines 11jährigen Horsts in diese Klasse 5b rein versetzt. Neben mir sitzt Amba, Nico und Deniz mir gegenüber und am Tische rechts boxt Jannis Yusuf in die Seite.

Vielleicht hätte ich das mit Hieronymus‘ Schriften nicht machen sollen.

Das ist trotzdem nicht fair.

Einsatz im Unterricht

Thematisch ist es im Fragenkreis 1 – Die Frage nach dem Selbst: Ich und mein Leben zuzuordnen.

Im Unterricht lassen sich idealerweise personale Kompetenzen, wie das Beschreiben eigener Stärken thematisieren. Dabei dürfen SuS auch ihre kulturellen / religiösen Wurzeln mit einfließen lassen und damit einen Beitrag zur Sachkompetenz leisten. Methodisch wird ein Gedankenexperiment eingefügt, sodass schon in einer frühen Phase kontrafaktisches Denken eingeübt werden kann, indem die sich die Schüler vorstellen können, in welche Rolle sie schlüpfen würden, könnte ihre Seele wandern. Mit dem Hinduismus wird eine nicht-monotheistische Religion eingeführt, die vielen SuS nicht bekannt ist, obwohl sie die drittstärkste Glaubensgemeinschaft ist. Und mit Giordano Bruno wird ein Wegbereiter der Aufklärung und des Humanismus namentlich (freilich im kontrafaktischem Szenario) eingeführt.

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Horst – Buch -> Plan und erstes Kapitel

Der Plan

Seitdem ich das Vergnügen habe, Praktische Philosophie zu unterrichten, begleitet mich die Idee, dass man doch vielleicht ein Buch schreiben könnte, indem sich ein oder mehrere sehr junge Helden den Themen des Kernlehrplans nähern.

Im Unterricht werden derzeit mehrere Lehrwerke von Cornelsen (Praktische Philosophie), C.C. Buechner (philopraktisch) und Schöningh (Fair Play) eingesetzt. Die sind verglichen mit dem, was ich früher als Schulbuch vorgesetzt bekam, gut gemacht und interessant. Allerdings setzen sie Lesekompetenz voraus, die die Schüler heute in der 5. Klasse nicht mitbringen.

Mir schwebt eine kleine Lektüre vor, die man auch ohne Unterricht lesen könnte, die aber auch mit entsprechender Begleitung für den Unterricht aufgearbeitet sein kann. Der Plot soll in gut verdaulichen Einheiten verpackt, durch die Fragenkreise der Praktischen Philosophie führen. Da das Ganze durchaus collagenhaft sein kann, die Geschichte offen und Platz für viele Perspektiven ist, wäre ich für Mithilfe, Ideen, Kommentare sehr dankbar. Die Fragenkreise finden sich ab Seite 20 hier.

Da ich gerne Dinge anfange, ist der Anfang recht schnell gemacht.

Einsatz im Unterricht

Thematisch ist es im Fragenkreis 1 – Die Frage nach dem Selbst: Ich und mein Leben zuzuordnen. Im Unterricht lassen sich idealerweise Akrostichen schreiben, über die Bedeutung von Namen reden / diskutieren und der eigene Name erforschen.

Darum hier mal der erste Entwurf des Horstbuches:

Die Geschichte

1. Held obsiegt richtig super toll

Ich bin Horst.

Jetzt lachst du bestimmt. Na klar! Würde ich vermutlich auch machen. Wer heißt denn schon Horst? Alte Leute heißen Horst.

Wenn Frau Hochgeschurz lustig sein will, sagt sie, ich sei ein Vollhorst.

Alle Kinder hier in Duisburg heißen Leon, Justin, Batuhan, Lucca, Finn, Jannis, Dilan, Nico, Deniz, Sofie, Ahmet, Mehmet, Joel, Sila, Carolin, Anna, Niclas, Dilara, Yusuf, Meryem oder so ähnlich. Ich weiß nicht, was all die Namen gemeinsam haben, aber ich kenne von jedem mindestens zwei oder drei. Würde Frau Hochgeschurz sagen, Marie wäre eine Vollmarie, würden alle nur gucken. Keiner würde lachen.

Horst ist aber immer voll der Lacher. Der Witz bin ich, aber ich lache nicht mit.

Fällt auch gar nicht auf, denn ich sage auch sonst nicht viel. Ich versuche, überhaupt nicht aufzufallen. Ich will nicht, dass irgendjemand meinen Namen ruft oder sagt.

Papa sagt, ich solle mir mal einen von diesen Typen vorknöpfen. Hätte er auch gemacht. Aber er heißt Kevin. Da hätten früher auch immer alle Witze drüber gemacht. Vor allem die Erwachsenen.

Mama nickt dann immer, streichelt mir über den Hinterkopf und sagt: „Mein Horstie macht sowas nicht. Der steht über den Dingen.“

Das gefällt mir. Vor allem wenn keiner zuguckt und niemand zuhört.

So einen Namen, den hat man ein Leben lang. Den kannste nicht so leicht ändern. Opa hat mal erzählt, dass das wohl so Leute machen können, die Adolf Hitler heißen täten. Weil, wer so einen schlimmen Namen hat, der kann ja trotzdem ein netter Mensch sein.

Mir ist also nicht zu helfen, obwohl ich glaube, ich bin ein netter Mensch. Einmal Horst, immer Horst.

Manchem macht das ja gar nichts aus. Frau Hochgeschurz ist ein richtiger Scheißname. Wer heißt denn so? Aber ihr macht das gar nichts aus. Die lacht immer, wenn jemand da Hochgeschmutzt oder Tiefgeschmutz oder Hochgeschürbel oder was auch immer daraus macht.

Mama sagt: „Trage den Namen mit stolz!“

Aber wie soll ich auf sowas stolz sein? Es gab da mal einen Fußballspieler. Horst Hrubesch hieß der. Den haben alle geliebt. Der spielte für den HSV, als die noch richtig Erfolg hatten. Der war sogar in der Nationalelf und hatte einen Trainer der Jupp der Wal hieß. Über Horst Hrubesch hat keiner Witze gemacht. Dafür hat der Tore gemacht und so Sachen gesagt wie: „Manni Banane, ich Kopf, Tor“.

Der Satz ist so gut, dass noch nicht mal Frau Dösen-Dorheim den Konjunktiv I davon bilden könnte. Haha, da würde sie sich die Zähne dran ausbeißen.

Aber soweit bin ich noch nicht. Ich warte auf meinen großen Tag. Entweder ich habe dann wie der berühmte Duisburger Kommissar Horst Schimanski einen Spitznamen – der hier heißt Schimmie – oder ich mache mal was ganz Besonderes. Vermutlich schreibe ich einen großen Roman, denn schreiben kann ich. Das sagen alle, alle Erwachsenen und vor allem alle Lehrer. Die lesen dann mein Buch und sagen ehrfurchtsvoll meinen Namen: Horst Timmermann-Borowski. Der große Star am Literaturhimmel. Und das Buch heißt dann:

Held

Obsiegt

Richtig

Super

Toll

weiter geht’s hier.

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Willkommen und Abschied

Vor ein paar Jahren hatte ich die wunderbare Idee, auf einer eigenen Seite regelmäßig Blogeinträge zu verfassen. Angeregt von den vielen positiven Impulsen, die mir mein spätes Studium gab, erschien es mir sinnvoll, diese neue Welt auch sprachlich zu reflektieren. Am Titel dieser Seite erkennt man auch, dass ich zu dieser Zeit ein beeindruckendes Logikseminar besuchte. Und auch jetzt finde ich die doppelte Verneinung durchaus sehr reizvoll, wenn ich sie auch nicht für ein Konzept nutzen mag. Das einzige Konzept, das ich verfolge, ist keines zu haben.

Wie man zu diesem Zeitpunkt unschwer erahnt, ist nichts daraus geworden, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich könnte viele Gründe dafür nennen: Familie, mein Lehramtsstudium und aktuell die Vorbereitung auf mein 2. Staatsexamen.

Gerade in diesem Moment geht meine liebe Frau davon aus, dass ich an meinen Unterrichtsentwürfen für meine Prüfung schreibe. Aber das Bedürfnis, endlich einen zweiten Anfang zu machen, ist doch ziemlich größer und lenkt mich ab. Ihr wisst ja, wie das in Prüfungsphasen ist: Es gibt immer noch einen Kaffee zu holen oder einen Blick in die sozialen Medien zu werfen.

Zu diesen Gewohnheiten gehört gehörte Facebook: Obwohl ich relativ selten dort selber etwas poste, schaue ich jeden Morgen als erstes auf diese Seite, lese Nachrichten von Informationsgehalt ‚Gute Nacht, ihr Lieben!‘ oder ‚Guten Morgen‘ und weiß, dass XY heute Geburtstag hat. Bevor ich ans Arbeiten gehe, gucke ich noch kurz in den Stream und erfahre, dass irgendwer mit seinem Köter oder Kind irgendwo spazieren war und werde zu einem Konzert in irgend so einem verlausten AZ in Weißgottnichtwo eingeladen. Und so wird mein Tagesrhythmus immer wieder kurz unterbrochen. Nie lange, nein! Immer nur kurz. Und wenn es dazu kommt, dass beispielsweise Jan Schreiber einen seiner sehr guten – seltenen – Blogeinträge verfasst, komme ich nicht dazu, es zu lesen, weil ich ja noch so viel zu tun habe.

Also, um es kurz zu machen, ich verplempere meine kurze Zeit maßlos. Das ist noch blöder, als Fernsehen zu schauen. Ständig lasse ich mich unterbrechen, obwohl es nichts zu unterbrechen gibt.

Dies werde ich jetzt ändern. Nicht dass ich mich ablenken lasse, nur dass ich das Wovon lenke. Das passt viel eher zum Ego eines ehemaligen Fanziners mit Geltungsbedürfnis. Außerdem ist Schreiben die beste Therapie. Was rein kommt, muss auch wieder raus. Wenn noch jemand mitliest, ist es schön, wenn nicht, mache ich mir am Ende ein PDF daraus.

Damit ich auch Ressourcen zum Schreiben habe, werde ich meinen Facebook-Account Ende Januar löschen. Suchtverlagerung gibt es in Richtung Twitter. Twitter ist irgendwie merkwürdig, sperrig und gerade deswegen birgt es für mich nicht die Gefahr, aus Versehen zu viel Zeit dort zu verbringen. Falls sich das mal ändert, verfahre ich damit genauso wie mit Facebook.

Ach ja, worüber werde ich hier schreiben? Also ich höre gerne Musik, lese gerne und werde bald Lehrer sein. Ich interessiere mich für das Weltgeschehen und hatte zwischendurch auch mal die Idee, ich könnte gute Geschichten schreiben. Radio mache ich auch zusammen mit Vasco: Die Beste Radioshow- immer den 1. und 3. Mittwoch um 20:05 auf Radio Duisburg und Punkrockers Radio.

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