State of the Art: Bildung heute

wp-1458818027082.jpegEin Jahr ist nun das Referendariat beendet und ich blicke nun insgesamt auf die ersten sechs Jahre meines neuen Lebens in der Bildung zurück.

Aus der Distanz hatte ich immer einen Plan für eine bessere Welt, der so in eine Mischung aus Sozialromantik und Revolution eingebettet war: Mehr Geld, mehr echte Demokratie, Freiheit und während des Studiums kam dann noch die Säule Bildung dazu. Aber je näher ich an die Ausführung der Pläne komme, desto mehr wandelt sich das Bild von der Utopie in eine reale Dystopie.

Als Lehrer bin ich nun Teil eines Systems, das die Bildung der Kinder gegen die Wand fährt. Das fühlt sich ungut an, wenn man ganz nah dran ist und sich ohnmächtig fühlt.

Mit Bildung sollte man schließlich alles bekämpfen können: Armut, Dummheit, Rassismus, Religion, Umweltzerstörung etc. Würden alle nur schlau genug sein, führten wir keine Facebook-Diskurse, sondern wählten eine gepflegte Debattenkultur.

Leider steht es nicht besonders gut an der Bildungsfront. Es funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen. Sind die Lehrer schlecht, die Schüler dumm? Oh, Entschuldigung bitte, sind sie heute alle nicht alle krank? Sie haben ADS, ADHS, Dyskalkulie, LRS, Wahrnehmungsstörungen, Allergien und meistens sind sie auch noch hochbegabt.

Engagierte Eltern – das sind die, die sich kümmern – rennen deswegen von einer Nachhilfe zur nächsten Therapie. Diagnosen habe ich natürlich in meiner Unterrichtsplanung zu berücksichtigen. Da macht das bisschen Inklusion und Integration auch keine Probleme mehr. Dem einen Kind muss ich Bewegung ermöglichen, dem anderen dürfen keine Geräusche zugemutet werden, dem nächsten muss das Klassenzimmer reizarm gestaltet werden, die Übernächste braucht Extrahilfe, um den Stift in die Hand zu nehmen und, und, und…

Manche Eltern – das sind die, die sich nicht so kümmern – belassen es dabei und geben ihre Kinder in der Schule ab. Die Zeit wird schon rumgehen, auch ohne Diagnose und Nachhilfe. Schließlich kriegen die meisten Kinder doch immer irgendwie ihren Abschluss.  Wer einmal Aufgaben und Bewertungshorizonte von Zentralen Abschlussprüfungen gegoogelt hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Und wenn man dann noch weiß, dass die Aufgabenformate permanent eingeübt werden, weil die Fähigkeit fehlt, andere als immer dieselben zu verstehen, begreift auch, warum lauter als früher gefeiert wird. Schließlich wird alles wieder gut gePISAt und jedes Scheitern kriegt man empirisch in Erfolg verdreht.

Das muss ja auch so sein, denn sonst müsste Bildungspolitik und Lehrerausbildung ja als gescheitert angesehen werden. Macht aber niemand. Stattdessen wird ein Unfug nach dem anderen als Bildungsinnovation abgefeiert. Jede ganzheitliche Sau wird planlos durch die Bildungslandschaft getrieben. Lehrer sollen bitteschön nur noch Lerncoach sein: Bloß nicht zu präsent sein, die Kinder alleine machen lassen – das ist schließlich viel nachhaltiger als das bloße Hineintrichtern von Faktenwissen im Frontalunterricht –, bei Problemen helfen, unterstützen und erklären sich die Kinder alles untereinander. Ihren Lernprozess lernen sie von selbst zu überwachen. Das klappt wunderbar und ich spüre regelrecht, wie hier eine ganz neue Generation heranwächst. Die können nachher immer toll reflektieren und evaluieren.

Die Kinder lernen in vielen Grundschulen nach dem Motto ‚Schreip widu schprichst‘, damit die kleinen Racker nicht die Schreiblust verlieren, weil es ja die Motivation zerstört, wenn die Kleinen gesagt bekommen, dass man das auch richtig schreiben kann – es ist ja schon anstrengend genug, einen Stift in der Hand zu halten –. Schreiben, so die Grundannahme – kein Witz –, erarbeiten sich die Kinder dann alleine. So können Motivation und Spaß im Vordergrund stehen. Spaß macht die Schule trotzdem nicht und kein offener Unterricht macht so viel Spaß wie das Smartphone, mit dem die Kinder schon früh ihre Art von Erfolgserlebnissen produzieren. Damit kann das hilflose Gekritzel, das sie in der Schule produzieren, nie konkurrieren. Aber mit ihren ganzen scheiß Medien sind die Blagen ja schön beschäftigt und man muss nicht mehr mit ihnen sprechen, ihnen Grenzen aufzeigen, ihnen Freiraum geben, ihnen helfen oder einen Tritt in den Arsch geben. Dafür werden die kleinen Prinzen und Prinzessinnen dann andernorts gepampert. Ersatzhandlungen, wie die Kinder überall mit dem Auto hinfahren oder überdimensionierte Geburtstagspartys veranstalten, sind Zeichen ihrer Fürsorge. Folge davon: Die kleinen überdrehten Patienten können in der realen Welt gar nichts. Und aus dieser Lebenswelt soll sich in der Schule etwas entwickeln. Könnte klappen, funktioniert auch zum Teil auf den Gymnasien, weil dort kräftig zu Hause nachgearbeitet wird. Zuhause – nach der Schule – findet heute Bildung statt. Noch nie wurde so viel Nachhilfe in Anspruch genommen wie heute. Schule hat schon lange aufgegeben, Wissen zu vermitteln. In den 90ern wurde dafür der Euphemismus Outputorientierung herangezogen. Kompetenzorientierte Lehrpläne und gemeinsame Bildungsstandards der Länder waren das Resultat. Liebe Eltern unter euch, lest euch bitte mal so einen Kernlehrplan eines Faches in eurem Bundesland durch – könnt ihr googeln –, ihr werdet staunen, was eure Kinder so alles können und wissen, wenn sie die Schule verlassen. Nur nicht wundern, wenn ihr davon noch nichts bemerkt habt, selbst wenn das Kind noch ganz gut vom Notenbild aussieht. Nicht nur bei euch klafft eine gewaltige Lücke zwischen Anspruch und Realität, gerade wenn euer Kind auf so einer Resteschulform Schule des gemeinsamen Lernens1 wie Sekundar- und Gesamtschule gelandet ist. Dort ist Scheitern nämlich kategorisch verboten, denn das ist der Ort des gemeinsamen Lernens: Hier werden alle Unterschiede nivelliert und Heterogenität auf allen Ebenen ist das große Plus. Die Schwachen profitieren von den Starken und die Starken verstehen besser, weil sie den Schwachen helfen. Dabei spielt Unterschiedlichkeit aus sozialer, personaler und ethnischer Sicht heraus nur eine bereichernde Rolle. So die Theorie, die von den Elfenbeintürmen über das Land gestreut wird. Ich musste das alles während meiner Ausbildung schön aufsaugen und in Prüfungen wiedergeben: ideologisch aufgeladener reformpädagogischer Wahnsinn. Irgendwie ließ sich alles unter Laborbedingungen als wirkungsvoll verkaufen. Jede Form hiergegen aufzubegehren wurde abgestraft und war ein Spiel mit dem Feuer. Meine Ausbruchsversuche kann ich noch in Jahren an Einzelnoten erkennen, die dann nicht sehr gut waren, wenn sie nicht der Leer Lehrmeinung entsprachen. Die Deutungshoheit lässt man sich dort ungern nehmen.

Horden von gehirngewaschenen Junglehrern sind die Folge, die kaum ein alltagstaugliches Handlungswissen haben und sich im von Ansprüchen überfrachtetem Alltag über Wasser halten. Dafür stellen die Schulbuchverlage die Rettungsboote gefüllt mit differenziertem Material zur Verfügung.  Das können die Schüler dann im offenen Unterricht je nach Lust und Laune abfrühstücken individuellem Forder- und Förderbedarf sowie Lerntempo bearbeiten. So ähnlich stellt sich der Hobbypädagoge Richard David Precht bestimmt die schöne neue Lernkultur vor.

Aber ich werde ungerecht, denn dagegen kann man nicht anstinken. Dem ganzheitlichen und gemeinsamen Lernen ist ja noch der moralische Geschmack des Guten beigemischt. Wer wünschte sich nicht, eine Jugend heranzuziehen, die eine offene und tolerante Wertegemeinschaft lebt, in der jeder nach seiner Fasson gleiche Chancen hat, glücklich und selbstbestimmt zu leben? Und da ist es doch gemein, wenn es in der Schule so funktionieren müsste, wie im normalen Leben: so mit Anstrengung und Leidenschaft. Oder man stelle sich vor, es würden – o Gott2, welch Frevel – homogenere Lerngruppen geschaffen werden, so dass dort auch – jetzt kommt es noch schlimmer – kognitive Lernziele angestrebt werden können.

Leider schafft ein künstlich beschaffener Raum, der Chancengleichheit begünstigen soll, genau das Gegenteil. Die Unterschiede werden immer größer: Ein Kind mit Hauptschul- oder Realschulabschluss wird heute in die Welt entlassen, ohne adäquat lesen, rechnen, schreiben zu können. Es hat nie die Erfahrung gemacht, dass es etwas leisten kann, dass es scheitern kann, wieder aufstehen, sich schütteln und neu anrennen. Es hat oft überhaupt kein belastbares Wissen und ist empfänglich für jede Art von Indoktrination und Beeinflussung. Es kann den abrupten Wechsel, auf einmal hilflos selbst auf die Anforderungen des Lebens reagieren zu müssen, gar nicht realisieren. Und obwohl Wissen heute wirklich frei verfügbar ist, kann es nicht darauf zugreifen und es nutzen. Diese Generationen von Bildungsverlierern werden die Heerschaaren von Billiglohnsklaven, Unzufriedenen und Perspektivlosen sein, die dereinst den Bodensatz der Gesellschaft bilden, weil sie später leider nicht der Ausgewogenheit halber in die ChefInnenetagen inkludiert werden.

 

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Je suis betroffen… aber auch nicht immer

Was ist es, das mich betroffen macht? Über 100 Tote in Paris, verursacht durch die Religioten vom Islamischen Staat, sorgen für Schweigeminuten in meiner Schulklasse und im Stadion beim Fußballspiel.

mauer2Unter meinen Schülern waren und sind viele, die zu den Bildungsverlierern zählen, wird davon einer…? Darf man nicht mal denken, aber wie war das mit den Schülern der Islam-Lehrerin aus Dinslaken?

Im Stadion stand plötzlich jemand vor mir: Migrationshintergrund, irgendwas mit Islam vermutet. Er hat kein Fankleidung an, singt nicht, nestelt immer nervös an seinem Handy rum, steckt sich dann auch Kopfhörer in die Ohren. Was macht der, der wird doch nicht…?

Ich bin gereizt, wenn ich Kopftücher sehe, will nur weg, nichts damit zu tun haben. Der Islam ist keine kulturelle Bereicherung für mich. Ich stimme hier mit Hamed Abdel-Samad überein.

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Das praktische Problem mit Gottes Existenz

Nachdenken über Gott

In diesen Tagen wird das Problem mit Gott einmal mehr virulent, also muss ich mich als Atheist wieder mit ihm auseinandersetzen. Und die Frage stellt sich mir wieder, wie ich mit jemandem umgehen kann, der nicht existiert, aber dennoch für so viel Hass und Gewalt verantwortlich ist, ohne dabei ins Fahrwasser gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu geraten.

Als praktizierender Theist gerät man angesichts der Anschläge in Paris nicht so leicht in Erklärungsnot. Ist man Jude oder Christ, so scheint man fein raus und kann je nach Grad der eigenen Toleranz und Ausübungspraxis über Muslime urteilen, sie verurteilen oder entschuldigen. Und als Muslim kann man sich von Islamisten distanzieren, die sich gewissermaßen des Glaubensverats schuldig gemacht haben.

Auch andernorts wird so differenziert, indem eine strenge Linie zwischen Islamismus und Islam gezogen wird. Dazu neigen auch viele Atheisten, die ungern eine Religion unter Generalverdacht stellen wollen. So wird darauf verwiesen, dass es schließlich soziale Ungerechtigkeiten sind, die die Menschen in den Islamismus treiben. Der IS gar wird zum geopolitischen Spielball der Mächte und Mächtigen degradiert.

Angesichts hochkochender Emotionen, ist eine solch liberale Haltung vorzuziehen, anstatt mit anti-islamischen Hassparolen weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Gottes reale Nichtexistenz ist das Problem

Aber obwohl oder gerade weil er nicht existiert, ist Gott selbst das Problem. Was kann man vernünftigerweise gegen eine Instanz unternehmen, die Gewaltakte legitimiert und dem Fortschritt diametral entgegen steht?

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Bürger hört die Signale!

DER TERRORISMUS-BEGRIFF UND DAS JÜNGSTE URTEIL DES BUNDESVERFASSUNGSGERICHTS ZUM EINSATZ DER BUNDESWEHR IM INNERN

1.

Beginnen wir mit der Frage „Was ist eigentlich Terrorismus?“. Muss tatsächlich jeder Mensch, der sich ohne Aussicht auf Raumgewinn mit Waffengewalt gegen eine bestimmte politische oder Gesellschaftsordnung wendet als Terrorist bezeichnet werden? Gibt es neben Regierungstruppen und Polizei im besten Fall noch Guerilleros und ansonsten nur Terroristen?
Die Definition des selbsternannten Extremismusexperten Eckhard Jesse beispielsweise legt dies zumindest nahe. War Stauffenberg also ein Terrorist? War die Résistance bis zur Landung britischer und amerikanischer Truppen in der Normandie eine Terrororganisation? Nein? So ist das ja gar nicht gemeint? Nun, das wollen wir auch nicht hoffen.
Augenfällig aber ist, dass das Wort „Terrorist“ seit jeher ein politischer Kampfbegriff ist und ob eine bewaffnete Gruppe der Öffentlichkeit von Medien und Politikern als eine „terroristische“ vorgestellt oder aber offiziell mit den, in der Regel positiver konnotierten Etiketten „Rebellen“, „Aufständische“ und „Freiheitskämpfer“ versehen wird , hängt fraglos von der jeweiligen Interessenlage ab, ich erinnere hier nur an die UCK und die Regime-Gegner in Libyen und Syrien.
„Wen interessieren solche Definitionsprobleme?“ wird sich mancher an dieser Stelle vielleicht denken, doch tatsächlich ist die eingangs gestellte Frage von großer Bedeutung, denn die Willkür in der Anwendung dieses Begriffes, die mit seiner unklaren Definition geradezu notwendig einhergeht, ermöglicht es den jeweils Herrschenden alle, von denen sie mit nicht-legalen Mitteln bekämpft werden, als „Terroristen“ zu diffamieren, auch wenn sich deren Gewalt gegen eine brutale Diktatur richtet, die ihnen letztlich gar keine andere Wahl lässt. Was aber kann man dieser Tatsache entgegen setzen?
Nun, eine halbwegs seriöse Definition des Begriffes müsste sich meiner Meinung nach erstens am Wort selbst orientieren und den Blick zweitens auf die Opfer der nicht-staatlichen Gewalt richten, denn nur dies ermöglicht eine klare Abgrenzung von den oben genannten Bezeichnungen für bewaffnete Kämpfer aller Art.
Zum Wesen des Terrorismus gehört es, das sagt uns bereits eine kurze etymologische Betrachtung und soweit dürften wir wohl auch alle übereinstimmen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Ist dies die Absicht einer bewaffneten Gruppe, so scheint mir eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung erfüllt, ihre Kämpfer als Terroristen zu bezeichnen. Denn: In beinahe jedem Konflikt, das gilt für eine Kneipenschlägerei wie für den Kalten Krieg, legten und legen es die verfeindeten Parteien darauf an, dem anderen Angst zu machen, sei es durch Gebrüll, Schlachtgesänge, militärische Überlegenheit oder Vernichtungsdrohungen (Atombombe). Rebellen und Freiheitskämpfer können unter den Vertretern der von ihnen bekämpften Systeme durch Anschläge großen Schrecken verbreiten, aber sind sie deswegen schon Terroristen? Welche Mittel stehen ihnen denn sonst zur Verfügung? Kuchenbacken und Lichterketten gegen Folter und Gewehre könnten den einen oder anderen Machthaber vielleicht dazu bringen sich tot zu lachen, aber pauschal vom unausweichlichen Erfolg friedlicher Proteste auszugehen, halte ich für einen Irrtum.
So glaube ich, dass noch eine zweite Bedingung erfüllt sein muss, um den Begriff „Terrorismus“ zur Anwendung bringen zu können, wobei diese fraglos in einem engen Zusammenhang mit der ersten steht. Erst wenn sich die Gewalt nicht mehr nur gegen die bewaffneten Kräfte und offiziellen/ politischen Vertreter eines Staates oder einer Gesellschaftsordnung, sondern mehr oder weniger gezielt auch (oder sogar nur) gegen Zivilisten, d. h. Unbewaffnete, nicht oder lediglich in geringem Maße Verantwortliche, richtet, kann die Verbreitung von Angst und Schrecken als Primär-Ziel der jeweiligen Aktionen betrachtet werden.
Man mag einen bewaffneten Kampf aus guten (moralischen wie politischen) Gründen ablehnen und verurteilen, z. B. weil er in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem die Bürger mit friedlichen Mitteln auf eine Veränderung hinarbeiten können, begonnen wird und man bezeichnet die Taten der RAF mit Recht als Verbrechen. Mit den Anschlägen des 11. September, mit diesem Massenmord an Zivilisten, haben sie, jedenfalls bis sich die zweite Generation entschloss mit palästinensischen Terroristen zu kooperieren, hingegen zu wenig gemein um für beide ein und denselben (politischen) Begriff zu gebrauchen.
Freilich will auch der Terrorist letztlich eine Veränderung der Verhältnisse erreichen, eine aus seiner Sicht bessere Welt schaffen, die Mittel, die er dazu einsetzt, unterscheiden sich aber deutlich von jenen, die andere bewaffnete Kämpfer zur Anwendung bringen. Nicht nur die jeweils Herrschenden sollen sich fürchten, sondern gleich die ganze Bevölkerung eines Landes oder zumindest erhebliche Teile von ihr. Der Terrorist trachtet nicht danach den Kampf mit möglichst geringen Opferzahlen und möglichst direkt für sich zu entscheiden, eventuell einen Volksaufstand gegen die von ihm bekämpften Regierenden herbeizuführen. Er will, ganz im Gegenteil, zunächst möglichst viele Unbeteiligte bzw. Zivilisten treffen und dafür kann es drei, einander nicht unbedingt widersprechende Beweggründe geben: 1. Er betrachtet alle Bürger eines Landes, alle Angehörigen einer Religionsgemeinschaft etc. als seine Feinde, die er vernichten will. 2. Es ist seine Absicht eine möglichst große Öffentlichkeit für seinen Kampf herzustellen (Terrorismus als Kommunikationsstrategie) und 3. Er will die Eskalation eines Konfliktes vorantreiben und die von ihm bekämpfte Regierung so zu einer immer repressiveren Politik veranlassen, welche schließlich in der exzessiven und zwangsläufig Widerstand hervorrufenden Anwendung von Gewalt und der völligen Abschaffung von Bürger- und Freiheitsrechten gipfeln soll (Der Aspekt der Destabilisierung sei hier mit eingeschlossen).
Über die Ziele und Methoden anderer bewaffneter Kämpfer kann und muss, auch wenn sie sich gegen Diktaturen richten, immer wieder gestritten werden. Die Taten und (kurzfristigen) Ziele von Terroristen aber sind für jeden, der auf dem Boden unserer Verfassung steht, mit Sicherheit abzulehnen.

2.

Umso erstaunlicher, dass nun ausgerechnet das Bundesverfassungsgericht jener, den Terroristen und ihren Anhängern stets zu Gute kommenden, Eskalation Vorschub leistet und einen elementaren Gedanken des Grundgesetzes weiter aufweicht, möchte man meinen. Der Aktionsrahmen der Bundeswehr war ursprünglich deshalb auf den Verteidigungsfall beschränkt worden, weil die Väter unserer Verfassung Deutschland erstens nie wieder als Aggressor erleben und zweitens weder Generälen noch Politikern das Recht zugestehen wollten, die Bürger mit einer maßlos überlegenen und alles erdrückenden Gewalt nieder zu halten (bzw. zu schießen). Operieren die Truppen erstmal in Friedenszeiten im eigenen Land, sind der Willkür Tür und Tor geöffnet und die Möglichkeiten den vom Grundgesetz durchaus vorgesehenen zivilen Ungehorsam zu praktizieren, verschwinden unter Panzerketten, so wohl auch die nicht unbegründete Befürchtung dieser Demokraten. Zwar hatten bereits die ohne Not erlassenen Notstandgesetze von 1968 der Politik erlaubt einer eventuell überforderten Polizei Soldaten als Hilfskräfte zur Seite zu stellen, allerdings sollten die dabei eingesetzten Mittel an das jeweilige Polizeirecht gebunden sein, d. h. sogar wenn man es es mit militärisch bewaffneten Aufständischen (z. B. Separatisten?) zu tun bekommen hätte, wäre das Auffahren von Panzern und schwerem Gerät in Deutschland noch verboten gewesen. Jedenfalls wurde diese Verfassungsänderung über viele Jahre von allen politisch Verantwortlichen so ausgelegt. Zudem blieben die befürchteten Katastrophen und Aufstände und die dabei immer denkbare Totalüberforderung der Polizei in den nächsten Jahrzehnten aus und schon sehr bald vergaßen die meisten Bürger das Thema wieder.
Doch nachdem die rot-grüne Regierung unter Schröder und Fischer bereits Ende der 90-er Jahre einen Angriffskrieg gegen Restjugoslawien führen konnte (weil man dort gegen militärisch bewaffnete Separatisten vorging!) ohne dafür ins Gefängnis zu wandern, Bundeswehrsoldaten ganz prima beim Oder-Hochwasser und 2007 auch bei der Einschüchterung und Überwachung von G8-Gegnern helfen durften, fallen nun die letzten Hemmungen und die Union kann ihren so lange gehegten Wunsch nach einem militärischen Einsatz der Armee im Innern plötzlich mit höchstrichterlichem Segen in die Tat umsetzen. Nicht genug damit, dass offenbar gerade Reservistenverbände aufgestellt werden, deren Aufgabe u. a. darin bestehen könnte politisch motivierte Streiks und Aktionen des zivilen Ungehorsams niederzuschlagen. Nein, fürderhin soll die Bundeswehr im Falle terroristischer Anschläge (da ist es wieder das Wort!) auch im Inland nicht nur den Hilfspolizisten geben, sondern ihr komplettes Arsenal zur Anwendung bringen dürfen. Freilich nur wenn die Situation eine katastrophale ist und es anders nicht geht und nicht gegen Demonstranten, so die Verfassungsrichter. Aber die Tür steht nun keinen Spalt mehr offen. Sie wurde weit aufgetreten und was eine „katastrophale Situation“, was eine Bedrohung unserer Grundordnung und was „Terrorismus“ ist (s. o.), das legen dann die Regierenden fest und wenn man weiß, dass es unter ihnen Leute gibt, die bereits schwere Sachbeschädigungen (wie das Anzünden geparkter Autos) am Liebsten als Terrorismus werten wollen, kann man sich doch auch ohne zu viel Phantasie ausmalen, welche Konsequenzen dieses fürchterliche Urteil in naher Zukunft hervorzubringen vermag. Und das alles ohne dass es bisher einen einzigen schwerwiegenden Terroranschlag in diesem Land gegeben hätte!

Also Bürger, hört die Signale, am besten so lange man Euch noch nicht pauschal als Terroristen diffamiert und auch so behandelt! Sie künden von der schrittweisen Abschaffung dessen, was Euch selbstverständlich geworden, aber nicht selbstverständlich ist. Und wer die gänzlich unnötigen Verstümmlungen des demokratischen Rechtsstaates heute wort- und tatenlos hinnimmt, braucht sich morgen nicht zu fragen „wie es bloß wieder so weit kommen konnte“. Freiheit ist nicht gottgegeben, nicht ewig und kein Geschenk. Sie wurde erkämpft und muss verteidigt werden. Und zwar hierzulande und heutzutage nicht von Panzern und Maschinengewehren, sondern von mündigen, d. h. kritischen Bürgern, die ihr Maul aufmachen und ihrer Stimme Gehör verschaffen. Gegen die fortschreitende Militarisierung der Innen- und Außenpolitik! Für eine Zivilgesellschaft, die beide Teile ihres Namens verdient!

givetheatheistacigarette@gmx.de

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Ein Vorschlag für gelebte Toleranz

Toll finde ich Gabriels und Zypris Gerede von jahrtausende alten Traditionen von Millionen von Menschen, die auf diese Weise in Deutschland infrage gestellt würden. Könnten vielleicht all die Typen, die sich jetzt über das Kölner Beschneidungsurteil empören und gesetzliche Rahmenbedingungen für legale Beschneidungen fordern, mit gutem Beispiel voran gehen?
Ist nicht ein Zeichen all den vermeintlichen Tätern gegenüber von Nöten, die herzlos das säkulare Urteil aus Köln, das aus Menschen, die in den Subjektstatus ihrer Religion geschnitten werden, Opfer macht, nötig?
Ich meine, wenn das alles so harmlos ist und es ach so schlimm intolerant ist, wenn irgendwelche religiös motivierten Hinterwäldler ihren Glauben nicht mehr in Deutschland leben können, weil sie dann eine Vorhaut haben und der liebe Gott sie dann in die Hölle schickt, sollte Toleranz doch vorgelebt werden. Ich plädiere dafür, dass in einer feierlichen und öffentlichen Veranstaltung mit gutem Beispiel voran gegangen wird und diese toleranten Menschen sich ihre Vorhaut, natürlich nur medizinisch korrekt, abschnibbeln lassen. Damit zeigen sie wie harmlos das Ganze ist und setzen ein Zeichen der Duldsamkeit. Frauen können ja alternativ ihre minderjährigen Söhne dazu mitbringen. Und wer keine Kinder hat, kann ja die ebenfalls jahrtausende alte Tradition der Klitoridektomie ins Spiel bringen. Ein Thema das ja in Deutschland auch schlimm konnotiert ist.
Vielleicht würde mich ein solches Zeichen davon überzeugen, dass das Kölner Urteil falsch ist? Aber vermutlich würde es mich nur überzeugen, im falschen Land zu leben.
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