Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

Im Buch muss ich jetzt notgedrungen schon mal einen Sprung machen, da ich den Fragenkreis 3 berühre und die Wirksamkeit im Unterricht testen möchte. Horst hat sich schwer verliebt und versucht Amba zu beeindrucken. Die ist das in gewisser Form auch …

Thematisch geht es um die Frage nach dem guten Handeln und inhaltlich um „Wahrhaftigkeit und Lüge“. Orientiert habe ich mich am Praktische Philosophie Buch 1 aus dem Cornelsen Verlag. Dies kann auch gerne mit seinem Bildmaterial zu Mimese und Mimikry (s.68) und zur Differenzierung für stärkere SchülerInnen herangezogen werden (S. 69).

Für ein begleitendes Lesen nach dem Lüneburger Modell zur Leseförderung von Steffen Gailberger, habe ich hier den Text eingesprochen.

Für den Unterricht ist es zunächst interessant, ob die zunächst genannten Beispiele aus Horsts Klasse geeignet sind, um von Lüge zu sprechen. Eine Abgrenzung zwischen den Beispielen aus Horsts Klasse, die in gewissen Varianten immer etwas mit Anthromorphismus zu tun haben, wäre eine differenzierende Frage.

Die Beispiele Mimese und Mimikry lassen sich mit schönem Bildmaterial (davon ist das Netz voll) dazu einsetzen, mit eigenen Worten zu beschreiben, wie verschiedene Tiere sie anwenden. Das wäre eine Erweiterung der Methoden- und Sachkompetenz.

Der Bezug und die Anwendung der Begriffe Mimese und Mimikry auf den Menschen ist in der Geschichte angedeutet. Hier lassen sich Gründe finden, warum Amba ihre Umwelt auch gerne täuschen will. Selbstverständlich haben die Schüler auch eigene Situationen, in denen sie sehr gerne unsichtbar wären. Und viele Jungs wünschten sich sicher auch manchmal die Fähigkeit der Mimikry. Entsprechende Täuschungen lassen sich hervorragend beschreiben und natürlich auch im Unterricht diskutieren. Wichtig wäre hier der Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Und jetzt genug des Didaktisierens. Den Download gibt es hier:

Mimese und Mimikry – Von Unsichtbaren und Sichtbaren

und los geht’s:

Können Tiere Lügen?“, fragt Herr Schreiber.

Zögerlich gehen ein paar Finger hoch.

Janine schnippt mit den Fingern und kommt prompt dran.

Also meine Oma, die kennt jemanden, der einen Papagei hat. Das ist in Oldenburg. Da war ich auch schon mal. Das ist ganz im Norden von Deutschland. Also da bin ich in den Ferien ganz alleine mit dem …“

Janine, komm zum Punkt!“, unterbricht Herr Schreiber.

Äh! Was meinen sie mit zum Punkt kommen?“

Janine ist nun verwirrt und die Klasse stöhnt genervt auf.

Ach ja, also, die hat einen Papagei und …“

Wer denn jetzt? Wer hat einen Papagei? Deine Oma oder …“, ruft Horst dazwischen und bekommt prompt eine gelbe Karte von Herrn Schreiber für die Störung.

Also, wer jetzt?“, fragt Herr Schreiber.

Der Bekannte meiner Oma! Also der Papagei redet immer so Sachen. Der sagt, dass er meine Oma lieb habe. Und dann beißt er ihr in den Finger. Das kann also gar nicht stimmen.“, setzt Janine stolz ihr Beispiel fort.

Autsch! Gutes Beispiel Der nächste.“

Nico kommt jetzt dran und sagt: „Wir haben eine Katze. Die heißt Inge. Jeden Morgen kommt die und will schmusen. Das heißt, eigentlich will die gar nicht gestreichelt werden. Die will nur Futter. Das ist ja auch nicht ganz die Wahrheit. Die lügt also auch.“

So langsam kommt der Unterricht in Fahrt und nacheinander erzählen Betül, Sila, Deniz und Jannis von Hunden, Wellensittichen und Katzen.

So ganz zufrieden wirkt Herr Schreiber aber nicht. Er fragt, ob denn jemand in der Klasse schon mal von Mimese und Mimikry gehört habe.

Damit löst er ziemlich betretenes Schweigen in der Klasse aus. Nur Horst meldet sich.

Okay, Horst! Dann erzähl mal!“

Horst drückt den Rücken durch und die Brust heraus und schaut siegesgewiss umher. Allerdings guckt ihn niemand außer Herr Schreiber an.

Ich habe das bei Wikipedia gelesen. Es gibt auch so Fliegen, die aussehen wie Wespen, aber keine sind. Die machen das, damit die Leute Angst vor ihr haben, weil die ja dann denken, weil die so aussieht, sticht die auch. Aber ich weiß jetzt nicht mehr, was das von beiden Wörtern war. Die hören sich so ähnlich an.“

Sehr gut, Horst. Wie immer sehr gut!“, lobt Herr Schreiber.

Stolz blickt Horst sich um und blickt lange in Richtung Amba. Die reagiert aber nicht darauf. Seitdem Horst ihr auf dem Schulhof seine Liebe vor allen Mitschülern gestand, wäre sie am liebsten dauerhaft unsichtbar.

Herr Schreiber lenkt die Aufmerksamkeit glücklicherweise von dem freudestrahlenden Horst und seiner verlegenen Sitznachbarin Amba.

Mimikry heißt das. Die Fliege sieht aus wie eine gefährliche Wespe und schlägt so ihre gefährlichen Feinde in die Flucht.“, erklärt er und beginnt eine Definition an die Tafel zu schreiben.

Im Schulbuch sehen sie dann Bilder von einem Schmetterling, der auch Mimikry anwendet und mit einem großen Auge auf den Flügeln verhindert, dass Tiere sie essen. Ambas Aufmerksamkeit wendet sich aber dem Foto von einer Stabheuschrecke zu. Die sieht aus wie der Ast, auf dem sie sitzt. Mimese heißt das. Tiere passen sich so der Umwelt an, dass sie nicht gesehen werden.

Mimese ist auch das, was sich Amba am liebsten wünschen würde. Sie müsste sich nur so der Klasse anpassen, dass Horst sie nicht mehr sehen könnte. Horst ließ ja keine Gelegenheit mehr aus, sie anzuglotzen und anzusprechen. Ständig wollte er etwas von ihr. Das war ihr so unangenehm. Vor allem, dass es jeder mitbekam. Dabei war sie ja fast unsichtbar. Nur einmal hatte sie mit Horst gesprochen. Nur ein einziges Mal hatte sie die Mimese nicht richtig angewandt. So gleiten ihre Gedanken auf einer Welle von Selbstmitleid getragen, bis der Gong sie erlöst und sie in die Freiheit entflieht.

Während Horst ihr verträumt hinterher schaut, macht Yusuf einen Kussmund in Richtung Horst und säuselt: „Oh, mein Horstie, ich liebe dich so sehr!“

So sehr liebt dich deine Amba, dass sie vor dir weg läuft.“, sagt Yusuf hinterher und prustet vor Lachen laut los.

Das merkt auch Horst, dessen Blick schnell wieder klar wird.

Er packt seine Sachen und denkt: “Wenn ich nur Mimikry könnte, würde euch jetzt das Lachen vergehen.“

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Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Also Kapitel 2 und Infos zu dem Vorhaben gibt es hier. Und zum besseren Verständnis sollte das wohl zuerst gelesen werden. Im zweiten Kapitel gibt Horst einen kleinen Einblick in sein Innenleben. Der eine sagt wohl, dass das spannend, fantasievoll und lehrreich ist, ein anderer mag entgegnen, es hier mit einem ganz schönem Klugscheißer zu tun zu haben. Ich denke beide haben recht.

 

2. Von Amba, Gott und dem Weltgeist Giordano Bruno

Aber bevor ich berühmt werde, habe ich einiges zu ertragen. Meine Mitschüler halten mich für einen Streber und meine Lehrer für ein Genie. Vermutlich haben sie sogar recht. Lieber wäre es mir allerdings, hielten meine Mitschüler mich für ein Genie und die Lehrer für einen Streber. Vor einem Genie haben alle Respekt, auch wenn es Horst heißt, und einen Streber finden alle Lehrer toll.

Normalerweise kann mir das ja egal sein, aber ich bin nun mal gefangen in einem Körper eines Horsts, der 11 Jahre alt ist. Das bedeutet, alle Menschen halten mich für einen 11jährigen Horst: Mitschüler lästern, Mamas tätscheln und Lehrer loben mich für meine Schulnoten.

Das mag für einen 11jährigen Horst natürlich Alltag und irgendwie okay sein. Schließlich mobbt mich keiner. Mobben ist was für Schulbücher und Horste. Aber ich bin ja kein wirklicher Horst, sondern bin nur gefangen im Körper eines 11jährigen Horsts.

Der Gedanke tröstet mich. Ich stelle mir dann vor, dass meine Seele ist weit gereist und schließlich in diesem Körper gelandet ist. Nur so lässt sich erklären, warum ich so anders als die Anderen bin. Das ist sogar möglich. Das hat mir Amba aus meiner Klasse gesagt. Die ist aus Indien und Hinduistin.

Hm, eigentlich ist sie aus Köln, denn da ist sie geboren. Aber sie hat so dunkle Augen und dunklere Haut. Bestimmt sind ihre Eltern mal nach Köln gezogen und deswegen sagen alle, dass sie Inderin ist.

Hinduismus ist so was wie Christ oder Moslem sein, nur sind das die Inder und es ist mit vielen Göttern. Amba war zum Beispiel vorher sogar eine Göttin, sagt sie.

Wenn das wahr ist, sage ich, war ich bestimmt ein berühmter Wissenschaftler vor vielen hundert Jahren. Dahin reise ich dann zurück in Raum, Zeit und meinen alten Körper.

Ich bin dann Giordano Bruno und lebe 1570 in einem Kloster in Neapel, wo man früher lernte, wenn man so schlau ist wie ich. Schulen gab es da ja noch nicht. Die Seelen von Yusuf und Jannis sind da noch in Ratten und Schweinen. Da stört es auch nicht, wenn ich mit Steinen drauf werfe oder nach ihnen trete. Aber das mache ich gar nicht, denn ich lese die Bücher in Latein und werde noch klüger als ich schon bin.

Mein Tag sieht dann so aus: Ich stehe morgens auf, muss dann in dem Kloster erst mal beten, dann sauber machen, Kühe melken, Ratten vertreiben und Schweine schlachten, danach wieder beten, sauber machen, wieder beten und dann endlich lernen. Und wenn mir die Augen schon zufallen, muss ich noch barmherzig sein, Arme füttern und noch mal beten. So geht das jeden Tag.

Aber eines Tages bete ich so vor mich hin und dann erscheint mir Amba anstatt der heiligen Maria. Ich bin hin und weg. Amba ist knallig bunt und guckt gar nicht immer so bedröppelt wie die heilige Maria. Außerdem reitet sie auf einem Tiger.

Das beeindruckt mich und ich kann es fortan nicht erwarten, in meine Klosterkapelle zu kommen. Dort tauschen wir uns aus, weil wir ja beide unheimlich weise sind. Amba, weil sie eine Göttin ist, und ich, weil ich so viele Bücher gelesen habe.

Nach einer Weile, fange ich dann an zu glauben, dass wir alle Teil eines großen Weltgeists sind oder werden. Bei den Hindus heißt das Brahman und wenn man alles richtig gemacht hat, wird man dazu. Also zu Gott1.

Ich schreibe das alles also heimlich auf. Heimlich, weil sowas damals ziemlich verboten war. Damals durfte man noch nicht mal sagen, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Da wurde man bei lebendigem Leib verbrannt.

Also war ich auch noch super mutig. Schlau und mutig.

Deswegen habe ich auch die Schriften des heiligen Hieronymus ins Klo geschmissen, als ich entdeckt wurde und fliehen musste. Hieronymus war ein ziemlich wichtiger Typ für die Kirche, weswegen ich das auch ziemlich verwegen finde.

Ich floh also und reiste durch ganz Europa herum und erlebte wahnsinnig viele Abenteuer. Am Ende habe ich dann aber doch Heimweh nach Italien gekriegt und dort hat mich die Inquisition in die Finger gekriegt. Das waren bestimmt Nico und Deniz, die alten Petzen und Schleimer.

Natürlich habe ich auch unter schlimmster Folter nie geleugnet, was ich über Gott und den Weltgeist heraus fand. Amba hat mich im Kerker auch immer besucht und getröstet. Sonst hätte ich das nicht durchgehalten.

Und was ist der Dank? Die haben mich am Ende verbrannt. Und anstatt dass mein Atman , so heißt die unsterbliche Seele bei den Hindus, in den Brahman, also Weltgeist, aufgeht, werde ich in diesem Körper eines 11jährigen Horsts in diese Klasse 5b rein versetzt. Neben mir sitzt Amba, Nico und Deniz mir gegenüber und am Tische rechts boxt Jannis Yusuf in die Seite.

Vielleicht hätte ich das mit Hieronymus‘ Schriften nicht machen sollen.

Das ist trotzdem nicht fair.

Einsatz im Unterricht

Thematisch ist es im Fragenkreis 1 – Die Frage nach dem Selbst: Ich und mein Leben zuzuordnen.

Im Unterricht lassen sich idealerweise personale Kompetenzen, wie das Beschreiben eigener Stärken thematisieren. Dabei dürfen SuS auch ihre kulturellen / religiösen Wurzeln mit einfließen lassen und damit einen Beitrag zur Sachkompetenz leisten. Methodisch wird ein Gedankenexperiment eingefügt, sodass schon in einer frühen Phase kontrafaktisches Denken eingeübt werden kann, indem die sich die Schüler vorstellen können, in welche Rolle sie schlüpfen würden, könnte ihre Seele wandern. Mit dem Hinduismus wird eine nicht-monotheistische Religion eingeführt, die vielen SuS nicht bekannt ist, obwohl sie die drittstärkste Glaubensgemeinschaft ist. Und mit Giordano Bruno wird ein Wegbereiter der Aufklärung und des Humanismus namentlich (freilich im kontrafaktischem Szenario) eingeführt.

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1GottIch verwende Gott synonym mit Allah, Jahwe und all den anderen Namen der monotheistischen Religionen.
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Horst – Buch -> Plan und erstes Kapitel

Der Plan

Seitdem ich das Vergnügen habe, Praktische Philosophie zu unterrichten, begleitet mich die Idee, dass man doch vielleicht ein Buch schreiben könnte, indem sich ein oder mehrere sehr junge Helden den Themen des Kernlehrplans nähern.

Im Unterricht werden derzeit mehrere Lehrwerke von Cornelsen (Praktische Philosophie), C.C. Buechner (philopraktisch) und Schöningh (Fair Play) eingesetzt. Die sind verglichen mit dem, was ich früher als Schulbuch vorgesetzt bekam, gut gemacht und interessant. Allerdings setzen sie Lesekompetenz voraus, die die Schüler heute in der 5. Klasse nicht mitbringen.

Mir schwebt eine kleine Lektüre vor, die man auch ohne Unterricht lesen könnte, die aber auch mit entsprechender Begleitung für den Unterricht aufgearbeitet sein kann. Der Plot soll in gut verdaulichen Einheiten verpackt, durch die Fragenkreise der Praktischen Philosophie führen. Da das Ganze durchaus collagenhaft sein kann, die Geschichte offen und Platz für viele Perspektiven ist, wäre ich für Mithilfe, Ideen, Kommentare sehr dankbar. Die Fragenkreise finden sich ab Seite 20 hier.

Da ich gerne Dinge anfange, ist der Anfang recht schnell gemacht.

Einsatz im Unterricht

Thematisch ist es im Fragenkreis 1 – Die Frage nach dem Selbst: Ich und mein Leben zuzuordnen. Im Unterricht lassen sich idealerweise Akrostichen schreiben, über die Bedeutung von Namen reden / diskutieren und der eigene Name erforschen.

Darum hier mal der erste Entwurf des Horstbuches:

Die Geschichte

1. Held obsiegt richtig super toll

Ich bin Horst.

Jetzt lachst du bestimmt. Na klar! Würde ich vermutlich auch machen. Wer heißt denn schon Horst? Alte Leute heißen Horst.

Wenn Frau Hochgeschurz lustig sein will, sagt sie, ich sei ein Vollhorst.

Alle Kinder hier in Duisburg heißen Leon, Justin, Batuhan, Lucca, Finn, Jannis, Dilan, Nico, Deniz, Sofie, Ahmet, Mehmet, Joel, Sila, Carolin, Anna, Niclas, Dilara, Yusuf, Meryem oder so ähnlich. Ich weiß nicht, was all die Namen gemeinsam haben, aber ich kenne von jedem mindestens zwei oder drei. Würde Frau Hochgeschurz sagen, Marie wäre eine Vollmarie, würden alle nur gucken. Keiner würde lachen.

Horst ist aber immer voll der Lacher. Der Witz bin ich, aber ich lache nicht mit.

Fällt auch gar nicht auf, denn ich sage auch sonst nicht viel. Ich versuche, überhaupt nicht aufzufallen. Ich will nicht, dass irgendjemand meinen Namen ruft oder sagt.

Papa sagt, ich solle mir mal einen von diesen Typen vorknöpfen. Hätte er auch gemacht. Aber er heißt Kevin. Da hätten früher auch immer alle Witze drüber gemacht. Vor allem die Erwachsenen.

Mama nickt dann immer, streichelt mir über den Hinterkopf und sagt: „Mein Horstie macht sowas nicht. Der steht über den Dingen.“

Das gefällt mir. Vor allem wenn keiner zuguckt und niemand zuhört.

So einen Namen, den hat man ein Leben lang. Den kannste nicht so leicht ändern. Opa hat mal erzählt, dass das wohl so Leute machen können, die Adolf Hitler heißen täten. Weil, wer so einen schlimmen Namen hat, der kann ja trotzdem ein netter Mensch sein.

Mir ist also nicht zu helfen, obwohl ich glaube, ich bin ein netter Mensch. Einmal Horst, immer Horst.

Manchem macht das ja gar nichts aus. Frau Hochgeschurz ist ein richtiger Scheißname. Wer heißt denn so? Aber ihr macht das gar nichts aus. Die lacht immer, wenn jemand da Hochgeschmutzt oder Tiefgeschmutz oder Hochgeschürbel oder was auch immer daraus macht.

Mama sagt: „Trage den Namen mit stolz!“

Aber wie soll ich auf sowas stolz sein? Es gab da mal einen Fußballspieler. Horst Hrubesch hieß der. Den haben alle geliebt. Der spielte für den HSV, als die noch richtig Erfolg hatten. Der war sogar in der Nationalelf und hatte einen Trainer der Jupp der Wal hieß. Über Horst Hrubesch hat keiner Witze gemacht. Dafür hat der Tore gemacht und so Sachen gesagt wie: „Manni Banane, ich Kopf, Tor“.

Der Satz ist so gut, dass noch nicht mal Frau Dösen-Dorheim den Konjunktiv I davon bilden könnte. Haha, da würde sie sich die Zähne dran ausbeißen.

Aber soweit bin ich noch nicht. Ich warte auf meinen großen Tag. Entweder ich habe dann wie der berühmte Duisburger Kommissar Horst Schimanski einen Spitznamen – der hier heißt Schimmie – oder ich mache mal was ganz Besonderes. Vermutlich schreibe ich einen großen Roman, denn schreiben kann ich. Das sagen alle, alle Erwachsenen und vor allem alle Lehrer. Die lesen dann mein Buch und sagen ehrfurchtsvoll meinen Namen: Horst Timmermann-Borowski. Der große Star am Literaturhimmel. Und das Buch heißt dann:

Held

Obsiegt

Richtig

Super

Toll

weiter geht’s hier.

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Willkommen und Abschied

Vor ein paar Jahren hatte ich die wunderbare Idee, auf einer eigenen Seite regelmäßig Blogeinträge zu verfassen. Angeregt von den vielen positiven Impulsen, die mir mein spätes Studium gab, erschien es mir sinnvoll, diese neue Welt auch sprachlich zu reflektieren. Am Titel dieser Seite erkennt man auch, dass ich zu dieser Zeit ein beeindruckendes Logikseminar besuchte. Und auch jetzt finde ich die doppelte Verneinung durchaus sehr reizvoll, wenn ich sie auch nicht für ein Konzept nutzen mag. Das einzige Konzept, das ich verfolge, ist keines zu haben.

Wie man zu diesem Zeitpunkt unschwer erahnt, ist nichts daraus geworden, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich könnte viele Gründe dafür nennen: Familie, mein Lehramtsstudium und aktuell die Vorbereitung auf mein 2. Staatsexamen.

Gerade in diesem Moment geht meine liebe Frau davon aus, dass ich an meinen Unterrichtsentwürfen für meine Prüfung schreibe. Aber das Bedürfnis, endlich einen zweiten Anfang zu machen, ist doch ziemlich größer und lenkt mich ab. Ihr wisst ja, wie das in Prüfungsphasen ist: Es gibt immer noch einen Kaffee zu holen oder einen Blick in die sozialen Medien zu werfen.

Zu diesen Gewohnheiten gehört gehörte Facebook: Obwohl ich relativ selten dort selber etwas poste, schaue ich jeden Morgen als erstes auf diese Seite, lese Nachrichten von Informationsgehalt ‚Gute Nacht, ihr Lieben!‘ oder ‚Guten Morgen‘ und weiß, dass XY heute Geburtstag hat. Bevor ich ans Arbeiten gehe, gucke ich noch kurz in den Stream und erfahre, dass irgendwer mit seinem Köter oder Kind irgendwo spazieren war und werde zu einem Konzert in irgend so einem verlausten AZ in Weißgottnichtwo eingeladen. Und so wird mein Tagesrhythmus immer wieder kurz unterbrochen. Nie lange, nein! Immer nur kurz. Und wenn es dazu kommt, dass beispielsweise Jan Schreiber einen seiner sehr guten – seltenen – Blogeinträge verfasst, komme ich nicht dazu, es zu lesen, weil ich ja noch so viel zu tun habe.

Also, um es kurz zu machen, ich verplempere meine kurze Zeit maßlos. Das ist noch blöder, als Fernsehen zu schauen. Ständig lasse ich mich unterbrechen, obwohl es nichts zu unterbrechen gibt.

Dies werde ich jetzt ändern. Nicht dass ich mich ablenken lasse, nur dass ich das Wovon lenke. Das passt viel eher zum Ego eines ehemaligen Fanziners mit Geltungsbedürfnis. Außerdem ist Schreiben die beste Therapie. Was rein kommt, muss auch wieder raus. Wenn noch jemand mitliest, ist es schön, wenn nicht, mache ich mir am Ende ein PDF daraus.

Damit ich auch Ressourcen zum Schreiben habe, werde ich meinen Facebook-Account Ende Januar löschen. Suchtverlagerung gibt es in Richtung Twitter. Twitter ist irgendwie merkwürdig, sperrig und gerade deswegen birgt es für mich nicht die Gefahr, aus Versehen zu viel Zeit dort zu verbringen. Falls sich das mal ändert, verfahre ich damit genauso wie mit Facebook.

Ach ja, worüber werde ich hier schreiben? Also ich höre gerne Musik, lese gerne und werde bald Lehrer sein. Ich interessiere mich für das Weltgeschehen und hatte zwischendurch auch mal die Idee, ich könnte gute Geschichten schreiben. Radio mache ich auch zusammen mit Vasco: Die Beste Radioshow- immer den 1. und 3. Mittwoch um 20:05 auf Radio Duisburg und Punkrockers Radio.

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Im Kaufgang

Die halten noch!

Wenn mir etwas auf das sonnige Gemüt schlägt, dann ist das die Aussicht auf einen Aufenthalt in einem Kaufhaus. Es soll ja Menschen geben, denen solche Perspektiven auf Konsum das Herz höher schlagen lässt und der Akt des Einkaufs eine ganze Reihe Botenstoffe aktiviert, die sonst Sex, Koks oder Joggen zur Produktionsanregung brauchen.

Bei mir wird jedoch die Produktion von diesen diametral entgegen stehenden Stoffen geweckt, wenn meine bessere Hälfte mich mit einer Mischung aus Abscheu und Ekel betrachtet:  Ich müsse dringend neue Bekleidungsstücke am Körper tragen, da die alten nicht mal mehr in die Altkleidersammlung könnten.

Für gewöhnlich sitze ich Solcherlei jedoch aus und kann so das eine oder andere Jahr heraus holen, ohne einen Kaufgang anzutreten.

Auch gemeinsam, also für meine Frau, ziehe ich seit Jahren nicht mehr in die Einkaufsschlacht, da ich in solchen durch aktive Teilnahmslosigkeit und Freudlosigkeit eher wehrkraftzersetzend wirke. Mangels Vokabelreportoir beschränken sich meine Kommentare auf: „Hm hm, okay!“, „Hm hm, ich glaub, ganz gut!“, „Hm hm, nimm das doch!“ und „Hm hm, nee, kannst du nehmen. Das passt wie angegossen. Brauchst keins mehr anzuprobieren!“.

Dies geschieht aber nicht mit Vorsatz, vielmehr kann die schlechtere Hälfte einfach kaum Unterschiede in Kleidungsdingen ausmachen und sie vor allen Dingen nicht formulieren. Wobei ich gestern gelernt habe, dass man dann auch sagen soll, dass durch dieses oder jenes Oberteil die Arme besonders gut zur Geltung kommen, wenn das Oberteil kurze Ärmel hat. Dabei darf man natürlich nicht erwähnen, dass es ja noch mindestens 50 andere Fummel mit kurzen Ärmeln zu Hause im Kleiderschrank gibt, die gleiches tun, und dass es bei der Kleiderwahl am Morgen in Zukunft noch schwerer fällt eine Wahl zu treffen. Wenn Fidel Castro sich einen Vollbart wachsen ließ, weil er die Zeit für die Rasur sonst nicht für die Revolution aufbringen konnte, weiß ich auf jeden Fall, warum viele Frauen keine Zeit für Mann, Kind und Karriere haben.

In meinem Teil meines Schrankes verweilen hingegen 95% meiner Kleidung, ohne bewegt zu werden. Und anders herum trage ich 95% der Zeit in meinem Leben die 5% Kleidung, die im natürlichen Prozess – vom Schrank auf den Körper, über den Stuhl, wieder angezogen, in die Waschmaschine und wieder zurück -, wechselt.

Der sukzessive Zerfall der 5% stößt bei meiner Frau auf so wenig Gegenliebe, dass sie sich gelegentlich dazu verpflichtet sieht, mir Kleidung von ihren Shoppingtouren mitzubringen. Ich weiß dann zu sagen, sie gefalle mir und hänge sie zu den 95% in meinem Teil des Schrankes. Zu Familienfeiern werden sie dann heraus geholt, damit ich mir nicht vorwerfen muss, sie hätte das alles umsonst getan. Schließlich, und da bin ich dann lieber ehrlich, könnte ich die 95% auch in die Altkleidersammlung geben. Wenn ich nicht alle vier bis fünf Jahre ein abgenutztes Kleidungsstück austauschen müsste, würden die 95% nie bewegt.

Das Problem ist nur, dass bei entsprechender Zirkulation der aktuelle Inhalt meines Teiles des Schranks bis zum Jahr 2074 reicht, also bis nach meinem 105. Geburtstag. Da diese Tendenz ja steigend ist, war ich mit dem letzten Paket Kleidung und dem Kassenbon in der Stadt, um es umzutauschen. Dabei versprach ich meiner Frau, mich nach neuer Kleidung umzuschauen.

Nun denn, der Umtausch bei Peek und Cloppenburg hat reibungslos geklappt: Das Geld war ratzfatz wieder auf dem Konto. Aber sind wir mal ehrlich: Wer kann, angesichts eines solchen Überangebots an Ware, eine Kaufentscheidung treffen. Ich auf jeden Fall nicht. Und bevor ich noch Kopfschmerzen bekam, verließ ich die Stadt nach fünf Minuten Aufenthalt und fühlte mich sauwohl, keine Tüte zu tragen. Ist ja irgendwo auch peinlich, mit  einer Tüte neuer Kleidung gesehen zu werden. Das wäre mir auch unangenehm gewesen.

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Ein Vorschlag für gelebte Toleranz

Toll finde ich Gabriels und Zypris Gerede von jahrtausende alten Traditionen von Millionen von Menschen, die auf diese Weise in Deutschland infrage gestellt würden. Könnten vielleicht all die Typen, die sich jetzt über das Kölner Beschneidungsurteil empören und gesetzliche Rahmenbedingungen für legale Beschneidungen fordern, mit gutem Beispiel voran gehen?
Ist nicht ein Zeichen all den vermeintlichen Tätern gegenüber von Nöten, die herzlos das säkulare Urteil aus Köln, das aus Menschen, die in den Subjektstatus ihrer Religion geschnitten werden, Opfer macht, nötig?
Ich meine, wenn das alles so harmlos ist und es ach so schlimm intolerant ist, wenn irgendwelche religiös motivierten Hinterwäldler ihren Glauben nicht mehr in Deutschland leben können, weil sie dann eine Vorhaut haben und der liebe Gott sie dann in die Hölle schickt, sollte Toleranz doch vorgelebt werden. Ich plädiere dafür, dass in einer feierlichen und öffentlichen Veranstaltung mit gutem Beispiel voran gegangen wird und diese toleranten Menschen sich ihre Vorhaut, natürlich nur medizinisch korrekt, abschnibbeln lassen. Damit zeigen sie wie harmlos das Ganze ist und setzen ein Zeichen der Duldsamkeit. Frauen können ja alternativ ihre minderjährigen Söhne dazu mitbringen. Und wer keine Kinder hat, kann ja die ebenfalls jahrtausende alte Tradition der Klitoridektomie ins Spiel bringen. Ein Thema das ja in Deutschland auch schlimm konnotiert ist.
Vielleicht würde mich ein solches Zeichen davon überzeugen, dass das Kölner Urteil falsch ist? Aber vermutlich würde es mich nur überzeugen, im falschen Land zu leben.
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