Je suis betroffen… aber auch nicht immer

Was ist es, das mich betroffen macht? Über 100 Tote in Paris, verursacht durch die Religioten vom Islamischen Staat, sorgen für Schweigeminuten in meiner Schulklasse und im Stadion beim Fußballspiel.

mauer2Unter meinen Schülern waren und sind viele, die zu den Bildungsverlierern zählen, wird davon einer…? Darf man nicht mal denken, aber wie war das mit den Schülern der Islam-Lehrerin aus Dinslaken?

Im Stadion stand plötzlich jemand vor mir: Migrationshintergrund, irgendwas mit Islam vermutet. Er hat kein Fankleidung an, singt nicht, nestelt immer nervös an seinem Handy rum, steckt sich dann auch Kopfhörer in die Ohren. Was macht der, der wird doch nicht…?

Ich bin gereizt, wenn ich Kopftücher sehe, will nur weg, nichts damit zu tun haben. Der Islam ist keine kulturelle Bereicherung für mich. Ich stimme hier mit Hamed Abdel-Samad überein.

Das sehen viele genauso wie ich. Leider auch beschissene Rassisten, die Nähe ist zweifelsohne da. Damit will ich nichts zu tun haben. Ich denke so nicht. Ich finde das Christentum genauso blöd und spreche ja auch mit ihnen, mag manche davon sogar sehr. Von meinen Schülern mit muslimischen Glauben sind viele besonders liebenswert und klug. Nein, in eine solche Schublade will ich nie gehören. Trotzdem, die Prägung in mir sorgt für eingangs erwähnte Gedankengänge.

mauerViele meiner Freunde stellen heraus, dass wir bei Anschlägen durch westliche Drohnenangriffe kalt bleiben oder angesichts der Gewaltexzesse in der ganzen Welt nicht mal mit der Wimper zucken. Aber wir färben Profilfotos in Nationalfarben, weil es um einen Angriff auf unsere Kultur und Lebensweise geht.

Ja, da stehe ich im Stadion und beobachte gebannt, was der junge Mann da treibt. Ich stelle mir vor, wie nur noch ein warmer Wind zu spüren ist, dann alle Lichter ausgehen, bei mir. Ich bin dann betroffen. Körperteile von mir und vielen anderen liegen herum und es wird wochenlang – jetzt sind wir ja in Deutschland – kein anderes Thema geben. Meine Familie wird trauern, mancher Kollege und Schüler auch und im Plastic Bomb wird womöglich auch eine Nachricht stehen. Trauerminuten überall. Kriege ich ja nicht mehr mit, aber danach befindet sich Deutschland im Krieg und ich bin einer von vielen Legitimationsgründen. Ausgerechnet ich, der ich sowas nie unterstützen würde. Religionsverbot ja, aber nicht doch scheiß Waffen.

Der Schiedsrichter vergisst die rote Karte für einen Düsseldorfer, was den jungen Mann vor mir zu Wutausbrüchen animiert. Ich falle erleichtert ein. Diese blöde Drecksau, gekaufte Modestadt-Pfeife! Das Spiel läuft weiter. Ich bin nicht betroffen, auf einmal gar nicht mehr betroffen.

Da fällt mir ein, dass ich im Kommentar von Kai Schöneberg las, dass MIT und die Uni Harvard errechnet haben, dass allein in den USA 60 Menschen durch die Stickoxide manipulierter VW-Dieselmotoren verstorben sind. Namenlose Tote, gewiss. Aber sind die weniger Wert oder ist es moralisch weniger verwerflich, aus Profitgier anstatt religiös motiviert zu töten? Warum gibt es keine Angriffe von US-Drohnen auf die Konzernzentrale in Wolfsburg? Warum lassen VW-Fahrer nicht ihre Autos stehen, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, sie würden mit dem mörderischen Treiben zu tun haben wollen?

Ich kann mich nicht herausreden, dass ich es nicht wüsste. Es hat auch nicht mit meiner Erkenntnisfähigkeit zu tun. Protagoras’ Homo-mensura-Satz zieht nicht. Das Wissen ist für breite Teile der Bevölkerung verfügbar und vorhanden. Es ist beinahe schon objektiv vorhanden.

Den Relativismus kann vielleicht Friedrich Nietzsche retten. Der würde vielleicht sagen, dass es eben kein Interesse daran gibt. Wir wollen das nicht, weil es unserem individuellen Willen nach Macht entgegensteht.

zigeunerbaronDas führt dazu, dass ich in dem Fall betroffen bin, der mich nicht betrifft und beim mich Betreffenden seltsam unberührt bleibe. Das ändert sich auch nicht, wenn ich die Zahlen aus den USA auf die weltweit fahrenden 11 Millionen Diesel hochrechne. Dann es über 1300 Todesopfer weltweit durch profitgierige Manager und VW-Ingenieure.

Und morgen setze ich mich wieder in meinen Zigeunerbaron, der sparsame 16-20 Liter pro 100 Kilometer verbrennt. Wie viele der wohl schon auf dem Gewissen hat?

 

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