Auf der Suche nach Anschlussverwendung

Nachdem es lange Zeit so aussah, als ob ich an der Schule, an der ich mein Referendariat machte, bleiben dürfte, konnte dort keine Stelle für das neue Schuljahr ausgeschrieben werden.
Das ist insofern schade, als dass ich Schüler und Kollegium ziemlich ins Herz geschlossen hatte und inoffiziell schon Planungen begannen, mit wem ich denn welche Klasse im nächsten Schuljahr übernehmen würde. Im Laufe der Ausbildung konnte ich die Schule natürlich gut kennen lernen, so dass mir ziemlich deutlich vor Augen stand, welche Möglichkeiten ich hätte und welche Anforderungen ich dazu zu erfüllen hätte. Alles Gedanken, die nun verpuffen. Jemand anderes wird sich nun auf die Schnelle in eine neue Schule einfinden müssen, denn andere Lehrer sind dorthin versetzt worden.
Ich kann nicht sagen, ob diese Lehrer gut oder schlecht sind. Vermutlich ersteres, denn ich habe auf den drei Schulen vorher auch überwiegend fähige Kollegen erlebt. Trotzdem befremdet mich ein Gefühl von Austauschbarkeit in diesem System Schule. Ein System in dem der Einzelne vor Ort alles gibt, die Schulleitung aber oft in Personalentscheidungen von pragmatischen Zwängen geleitet wird. So bleibt es dabei, das ich verdammt gut in das System Schule, in dem ich tätig war, gepasst hätte und alle Beteiligten bestens bedient gewesen wären.


Nun muss sich ein Anderer ganz schnell einfinden, einarbeiten und von null auf hundert in wenigen Sekunden Erfahrungen machen, die ich in den letzten zwei Jahren machen konnte.
Er oder sie wird das bestimmt hin bekommen, genau wie ich es anderswo schaffen werde. Ein paar Reibungsverluste wird es geben, na klar. Andere Schüler und Kollegen werden auch nett sein, das war immer so. Ich werde tolle neue Erfahrungen machen, denn im jedem Neuanfang liegt ein Reiz.
Aber das Befremden über die Austauschbarkeit umfasst auch meine Schüler und Kollegen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass meine momentanen Kollegen und Schüler an der Gesamtschule Kaiserplatz nicht zu toppen sind.

Hatte ich das nicht schon früher gedacht? Schon am Ende meiner Zeit am Krupp Gymnasium vor drei Jahren war das so. Ich weiß noch, wie merkwürdig mir meine Kollegen an der Lise-Meitner-Gesamtschule vorkamen, als ich erstmals das Lehrerzimmer dort betrat. Erste scheue Blickkontakte, erste Gespräche, vorsichtiges Abtasten, immer wieder vergleichen. Klar ich war jetzt an einer Gesamtschule, am Gymnasium waren die Leute doch etwas eigener oder eigensinniger. Hilfsbereiter waren sie an der Gesamtschule, dafür waren die Schüler anstrengender. Monate später ein Besuch am Krupp-Gymnasium. Ein paar getauschte Worte mit den alten Kollegen, freundlich aber kurz. Alle waren wie immer in Eile und schnell weg. Man gehörte nicht mehr dazu. Auf dem Weg nach draußen noch ein paar alte Schülerinnen getroffen. Freude auf beiden Seiten. Was ich denn so mache jetzt? Auf der Lise-Meitner bin ich, und sie? In der Oberstufe? Ja, aber auf der benachbarten Heinrich Heine Gesamtschule. Da ist es viel besser. Nicht so so viel Druck. “Ja!”, stimme ich ein. Wir lachen und ich bin ab sofort begeisterter Gesamtschullehrer.
Jetzt gefiel es mir richtig gut an der Gesamtschule. Dort wollte ich mein Referendariat machen. Alles super! Ausbildungslehrer waren gefunden, die Schulleitung einverstanden, alles tutti! Da konnte ich ja nur gewinnen und die Schule auch, denn man wisse ja auch, was da manchmal so an Referendaren komme. Jemanden wie mich, aus dem Stadtteil und so erfahren, könnte man ja auch langfristig einplanen. Und dann? Nö, das Ausbildungsseminar ist nicht einverstanden und weist mir eine Gesamtschule in Mönchengladbach zu. Hilfe! Da will ich gar nicht hin, jeden Tag alleine durch die Fahrzeit zwei Stunden weniger Zeit für meine Familie.
Unter Einsatz aller meiner Kräfte und tatkräftiger Unterstützung von oben komme ich nun nach Krefeld an die Gesamtschule Kaiserplatz. Au Backe, was für ein hässlicher Bau. Und dann das kleine muffige Lehrerzimmer, eher eine Besenkammer als Ruheraum. Alle dutzen sich. Das kollegiale Du auf allen Ebenen. Das musste man sich anderswo erst einmal verdienen. Sehr merkwürdige Sitten hier. Auf den dunklen Gängen konnte man sich verlaufen. Aber die Kollegen sind der Hammer: Irgendwie eine Mischung aus beiden Schulen vorher. Und dann die Schüler, waren die nicht auch irgendwie wieder besser. Total lustige Typen dabei. Und wie sie mir alle halfen, diese gruselige Zeit des Referendariats zu überstehen. Wahnsinn! Jeder hatte seine eigenen Geschichten von den Schrecken der Lehrerausbildung und war voller Verständnis und tatkräftiger Hilfe dabei. Was wäre ich ohne Verona, Marina, Kristin, Thomas, Frederik, Annette, Melanie, Jörg, Franz, Hüssein, Jan, Heike, Yvonne, Margarete und so vielen anderen gewesen?
Oder ohne meinen E-Kurs in der neunten, den PP-Kurs in der fünften Klasse. So großartige Menschen. Das hätte ich woanders nicht geschafft.
Und jetzt muss ich all das hinter mir lassen und sie werden wieder verblassen, wie die 5er und 7er am Krupp Gymnasium und wie der Hammergrundkurs an der Lise-Meitner-Gesamtschule.
Neue Schule, neues Glück!
Die letzten drei Tage – mit Ausnahme des Stadionbesuchs am Samstag – habe ich Bewerbungen auf Stellenneuausschreibungen geschrieben, mir die Homepages angeguckt, die immergleichen Konzepte und Leitgedanken gelesen, versucht zwischen den Zeilen zu lesen; die Bilder vom Kollegium und den Schülern angeschaut, versucht in ihren Augen zu lesen. Mich hineinversetzt, was werde ich dort für eine Rolle spielen?
Wie schnitten die Schulen im Vergleich ab? Irgendwo mussten ja auch die anderen, die schrecklichen Schulen sein. Woran erkennt man die? Was ist, wenn die Mischung nicht stimmt? Oder was passiert, wenn ich mich schnell entscheiden muss? Auch ich habe mein persönliches Ranking erstellt. Aber spielt das überhaupt eine Rolle, wenn jeder jederzeit sowieso austauschbar ist?
Vielleicht sollte ich die Austauschbarkeit mal als Chance begreifen. In der Retrospektive erscheint mir das jetzt ganz sinnvoll.

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