Plastic Bomb vs. Ox: Review #138

The missing review im Heft 104

Schon wieder so ein Irrtum: Ich dachte, diesmal ist die neue Sängerin von Against Me auf dem Cover, aber wieder knapp vorbei. Aufmacher sind dieses Mal Mad Ball, was natürlich lustige Erinnerungen an ihre Auftritte in den 90er-Jahren in der Zeche Carl weckt, als die New Yorker-Stereoid-Junkies mich verhauen wollten, weil ich sie ausgelacht hatte. Tja, die Zeiten ändern sich und Kinder werden erwachsen. Und durch die begleitenden Interviews mit Roger Miret und Ute Füsgen gelingt auch eine schöne Einordnung in die Geschichte. Diese Art der Schwerpunktsetzung gefällt mir auf jeden Fall sehr gut.  

Sofort springt mir auch ins Auge, dass diesmal eine junge Leserin vorgestellt wird, der ich spontan unterstellt hätte, sie hat das Ramones-Shirt von H&M. Deutet sich hier zaghaft ein Generationenwechseln an?

Sorgen macht mir durch seine Abwesenheit allerdings Tom van Laak: Junge, bist du in Ordnung?

Ganz klasse ist der Tourbericht vom Beat-Man, der es versteht, dass angezählte Genre des Tourberichts an sich durch geschickte Schwerpunktsetzung äußerst unterhaltsam zu schreiben. Von King Khan erfahren ich, wie wichtig das Kiffen für Kinder ist. Habe ich da was Wesentliches in der Erziehung meiner Kinder vergessen? Meine Tochter ist 13: Das könnte ich gerade noch rechtzeitig ins Reine bringen. Jens Rachut gibt ein paar Einblicke in sein Künstlerleben, ohne dabei in zynische Floskeln zu versinken. Interessant, genau wie die prägnante Analyse des US-amerikanischen Ist-Zustand durch Jello Biafra. Wenn ich auch zugebe, dass ich den dazugehörigen Redeschwall auf keinen Fall selbst abhören wollte. Ganz anders als das hochinteressante Interview mit Penelope Spheeris, bekannt durch ihren Klassiker „Suburbia“. Bei FAT MIKE hört es mittlerweile bei mir auf. Hat er sich früher so schön rar gemacht, geht mir seine jetzige Dauerpräsenz ziemlich auf den Sack, obwohl es keine Band gibt, von der ich mehr Platten im Schrank habe als von NoFX. Dann doch lieber einen Halbseiter von den Inserts oder auch mal wieder was von Vulture Culture hören. Platz genug ist auf jeden Fall. Und da ja auch Ferien waren, habe ich seit Jahren zum ersten Mal wieder was von Klaus N. Fricks Fortsetzungsroman gelesen. Richtig unterhaltsam: Ich glaube ich werde da mal am Ball bleiben.

Plastic Bomb vs. Ox: Review #137

The missing review im Heft 103/104

Mir persönlich ist es zwar nicht schnuppe, dass einzelne Aktionen respektive Schreiber vom Ox scheiße sind, aber ich bin doch auch Freund einer differenzierten Betrachtung des größten deutschen Musik-Fanzines. Außerdem habe ich es schon immer gehasst, wenn es andersherum hieß, dass Plastic Bomb hätte ja dies oder jenes gemacht, obwohl es sich dabei um eine genau zuzuordnende Handlung eines Menschen handelte, der dies im Rahmen des Plastic Bombs gemacht hat. Darum widme ich mich fortan dem genreübergreifenden Giganten mit CD-Beilage aus Solingen: Wie es in der Natur der Sache liegt, ist nicht alles mein Cup of tea: Bands ohne Vokale im Namen wie KMPFSPRT ignoriere ich grundsätzlich, das Geseiere von FRANK TURNER bestätigt meine Ablehnung seiner Musik seitdem unsäglichen Rock’n’Roll-saved my live-Schunkelhit und über die Nerven reicht mir die Promo im Fülletong der TAZ, um nur ein paar zu nennen. Dass ich die Band auf dem Cover zunächst für die Scorpions hielt, mag eine freudsche Fehlleistung sein, liegt aber daran, dass mir THE DAMNED immer ordentlich am Arsch vorbeigingen. Das ist übrigens auch beim neuen Album so, dass bis auf zwei Kurzzeit-Hits zu Beginn des Albums kaum Haltbares zu bieten hat. Trotzdem sind die beiden Interviews, insbesondere das mit Captain Sensible wirklich gelungen und unterhaltsam. Ebenso verschlinge ich das HOT SNAKES-Interview, deren ‚Jericho sirens‘ auch ein druckvoller Knaller ist. Außerdem drängt sich mir da der Verdacht auf, es könnte bald einen Wipers-Hype geben. Leute, sagt nicht, ich hätte es nicht prophezeit. Das Interview mit OHL weckt den Eindruck, dass man durchaus in das neue Album reinhören könnte; habe ich dann auch getan, was ein Fehler war: eine unendlich langweilige und stereotype ‚unsere abendländische Kultur ist in Gefahr‘-Scheibe. Würden Freiwild ein solches Album machen, gerieten sie in den Verdacht rechts zu sein. Dass man stumpf und einfach sein kann, ohne ein Idiot zu sein, beweist Ross von den COSMIC PSYCHOS. Schön, dass die noch was machen! NO FUN AT ALL habe ich früher immer geliebt und ich kann mit dem Interview ein paar Lücken schließen. Mit den TOXIC REASONS und der Italian Hardcore-Geschichte gibt es auch noch typischen Plastic Bomb-Content, der natürlich auch von Ehemaligen bereitgestellt wird. Was mir persönlich am Musikteil bestens gefällt, ist das unglaubliche Wissen, dass Joachim einbringt. Er ist extrem breit aufgestellt und immer gut vorbereitet, sodass seine Interviews zwangsläufig immer die lesenswertesten sind. Tom van Laak gehört mit seiner schonungslosen Lebensbeichte ebenfalls zu den Gewinnern, wenn der Grad meiner Sorge um ihn auch nicht gerade sinkt, wenn er darüber sinniert, ob er nun auf den Teppich gepisst hat oder seine Freundin Marion beim nächtlichen Blumengießen Wasser verschüttet hat. Die Reviewproblematik löst man beim Ox ja bekanntlich, indem beinahe alles gut besprochen wird. Da sticht es darum aber ins Auge, wenn Markus Franz die Acht Eimer Hühnerherzen nur mit sechs Punkten bewertet; genau jener Markus Franz, der OHL mit acht Punkten bewertet. Aber solche Ambiguitätstoleranz muss man mitbringen, wenn man das Ox ganz gerne liest. Ich habe, wie gesagt, damit keine Probleme. Mein Ego ist nur etwas angeknabbert, da der Hardcore-Opa John Joseph von den CRO-MAGS meine Leistungen im Triathlon marginalisiert.

Platten, die mein Leben begleiten: Jimmy Keith & his Shocky Horrors – Great teenage swindle

Jimmy Keith & his Shocky Horrors besetzen den Platz, die sicher einflussreichste Band in meinem Befreiungskampf aus der häuslichen Enge zu sein. Die ‚Great teenage swindle‘ ist die erste Langspielplatte, die von Leuten rauskam, die ich kannte und mit denen ich das Vergnügen hatte, rumziehen zu dürfen. Das war die ganz große Welt für mich in den frühen 1990er-Jahren.

Tom Tonk hatte mich gerade adoptiert und damit geadelt, für seine Rock-Zeitung schreiben zu dürfen, weil er gehört hatte, dass ich für die Schülerzeitung des Mannesmann Gymnasiums Artikel verfasst hatte, in denen ich Alles und Jeden anpöbelte. Artikel, die mir auch heute noch unfassbar peinlich sind.
Ich saß daraufhin gefühlte Wochen am Stück in dem diffusen, Zigarettenqualm-geschwängerten Licht seines Wohnzimmers und bekam Nachhilfe in Sachen Musik. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich die Dickies aber auch King Uszniewicz & his Uszienicztones. Dabei lernte ich unfassbare Menschen wie Lothar kennen, der exakt eine Kaffeetasse besaß und diese über Jahre nutzte, ohne sie jemals mit Spülgift zu entweihen. Tom hatte nämlich einen Faible für besondere Menschen wie Musik.

Und dann holte er den Hammer raus: Tom sang in einer Band, die bald im Großenbaumer Bahnhof spielen sollte. Unfassbar! Und ich war auf der Gästeliste! Wahnsinn! Problem war nur, dass Tom sagte, dass sie so rock’n’rollige Rockmusik machen würden. Der hatte ich ja abgeschworen, gerade weil auch Hardcore und Bad Religion Einzug in mein Leben gehalten hatten. Anyway: Der Bahnhof war rappelvoll, das Bier floss in Strömen und die Bude wackelte. Es war ein unfassbares Inferno, das die vier Jungs da abfeierten. Angetrieben von einem Schlagzeuger, über den alleine man schon ganze Bücher füllen konnte: Mattes Pötters, Rock’n’Roll in Person. Ich glaube nicht, dass er viel konnte, aber Druck hat er gemacht. Und auf den Nebenschauplätzen des Geschäfts wusste er auch durch beeindruckende Anekdotendichte zu überzeugen. Der Bassist Guido dagegen war sein Gegenstück: Ein wirklich lieber Junge, der offenbar auch Erziehung genossen hatte. Aber die gute Kinderstube führte ihn immer wieder in Konflikte mit Mattes, der es sichtlich genoss, auf ihm rumzuhacken. Dafür bot er auch immer genügend Anlässe: Er hatte lange lockige Haare und hätte sowieso eher in eine Hairspray-Metal-Band gepasst. Außerdem hatte er den Bass fast unter dem Kinn hängen und konnte ihn spielen, was in einer Punkband mit Argusaugen beäugt wurde. Und eine solche waren sie zweifelsohne. One-Two-Three-Four und ab auf das Gaspedal. Und das direkt vor der Haustür: Die beste Band der Welt! Und Zepp Oberpichler: Der Gitarrist und Womanizer der Band schenkte dem Sound die dazugehörigen Melodien. Außerdem harmonierte er unfassbar mit Tom als Co-Bandleader/Sänger: Während Tom beinahe autistische Züge zeigte, war Zepp die geborene Rampensau. Die beiden machten Dialektik zu ihrem Geschäft. Und zu viert waren sie definitiv unmöglich. Ich kann mir nicht erklären, wie diese “Fab vier” es über so viele Jahre aushielten, zusammen die Bretter der Welt zu bereisen.

‚Teenage summer love‘, ‚We go surfin‘, ‚Stay teenage‘ und ‚To the horrors‘ von ihrem brillantem Debut-Album sind immer noch unsterbliche Hits. Später sangen sie zurecht: We taught the Richies how to surf. Wenn ich das Album jetzt nach zig Jahren wieder höre, läuft mir eine Gänsehaut nach der anderen runter. All die Geschichte, die wir zusammen erlebt haben: Die Townhall in Paua oder Cock Sparrer im Marquee. Durch sie bin ich endgültig in der Welt des Punkrocks gestrandet, hab den Lokalmatadoren und Richies das Backstagebier weggetrunken und letzten Endes sicher auch den Mut gefunden, meinen damaligen Beruf als Bankkaufmann hinzuschmeißen und später mit Micha Will das Plastic Bomb zu gründen. Dass die Jungs nie den Ruhm ernteten, den sie verdient hätten, gehört zu den Ambiguitäten, die das Leben mitbringt. In meinem Herzen lebt der ‚Great teenage swindle‘ aber immerfort.

Platten, die mein Leben begleiten: AC/DC – Highway to hell

Dieses Nominierungs-Kettenbrief-Gedöns mit zehn Scheiben, die irgendwie wichtig sind, erreichte nun auch mich. Danke Zepp, danke Didei, dass ihr an mich gedacht habt. Ich dachte natürlich zunächst, dass es irgendwo ein alberner Zeitvertreib ist, aber nach und nach ist mir bewusst geworden, wie mein Denken, mein Erinnern von Musik geprägt ist. Immer und zu jeder Zeit war Musik für mich eine Oase, in die ich der wüsten Realität entschwinden konnte. Musik regierte das Kopfkino und bot meinen Gedanken Möglichkeiten, wie die Welt auch sein könnte oder besser sein sollte.

Wenn ich an meine erste selbst gekaufte Musik-LP zurückdenke, komme ich nicht umhin, mir all die Umstände zu vergegenwärtigen, die die Zeit für mich mitbrachte. Und tatsächlich ist die „Highway to hell“ von AC/DC eine der wenigen Scheiben, die ich über all die Jahre behalten hatte, während ich andere Scheiben verschämt wegwarf oder weggab, wenn ich meinen Musikgeschmack auf ein vermeintlich höheres Level anhob. Und während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass es gar nicht stimmt, dass AC/DC die erste LP war, die ich mir kaufte. Aber dazu später, denn die muss ich erst nachkaufen, damit das Kino auch richtig läuft.

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Back on the map: Winterlaufserie 2018

Was für eine Aufregung! Da hatte ich ja geplant, dieses Jahr über Wettkämpfe in die notwendige Form für die Langdistanz in Roth zu kommen und einen Tag nach der Anmeldung für die Winterlaufserie in Duisburg und R2NS macht mein Meniskus schlapp. Und ehrlich gesagt, habe ich keinen Pfifferling mehr um die Saison gegeben.
Dass ich mit meiner Ernährungsumstellung auf veganen Schwerpunkt aber tatsächlich die Grundlage für eine gute Genesung schaffen würde, habe ich ein wenig heimlich gehofft, ernsthaft daran geglaubt habe ich allerdings nicht. Auch das unendlich langweilige Training auf dem Spinning-Rad bei FitX, immer mit Pulsuhr streng unter 130bpm und das stundenlang, hat wohl seinen Teil dazu beigetragen. Und so reifte langsam der Plan, dass ich 10 Tage vor der zweiten Runde vorsichtig ins Laufgeschäft einsteigen könnte.

Kollegen und mein Physiotherapeut erklärten mich für bescheuert, allerdings gaben mir sowohl der großartige Chirurg Dr. Hoeher und meine beiden Orthopäden die Maio / Swart Signale, dass das was werden könnte, wenn ich vorsichtig und beharrlich

dran arbeiten würde.

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Wunderheiler am Werk

So eine Operation lässt einen doch immer eine gewisse Nervösität verspüren. So ist die Nacht dann doch noch kürzer als angedacht: Wilde Träume von Aushilfschirurgen, die mir begegnen. Ich insistiere, dass ich auf jeden Fall beim Zauber-Chirurgen unters Messer will, weiß aber, die Logik des Traums ist unerbittlich.

Also lieber wachwerden. Um 7 muss ich in Köln Rodenkirchen sein. Steffi kann so früh noch nicht fahren, also muss ich noch mal ran. Meine Güte, sind die Autobahnen vor 6 Uhr morgens schon voll. Klappt aber alles perfekt. Auf in den dritten Stock. Daniel im Wartezimmer hat es schlimmer erwischt: Die Kreuzbänder dazu. Da hab’ ich ja mal wieder Glück gehabt. Superlustiger Narkosearzt: Überhaupt das ganz Personal erinnert an Monty Python. Jetzt geht es wohl los, sagt er. Ich so: Ob ich wohl noch bis 10 zählen kann. Er so: Versuchs mal. Ich setze an und…

… werde mit dickem Knie wach. Der Wunderschnippsler schaut kurz herein. Alles optimal verlaufen. Handy gecheckt: Steffi ist auch heil zu Hause angekommen, trotz dunkel, trotz nass und trotz Navi sprachlos.

Na dann! Dann kann Papa mich ja abholen kommen. Jetzt erst mal Krücken checken!

Meniskus kannte ich bisher nur dem Namen nach

Der Meniskus ist es! Genauer gesagt der innere von beiden. Das ist eine gute und schlechte Nachricht für mich zugleich:

Gut, weil es ja wirklich Leute gibt, die auf solchem Weg wirklich schlimme Diagnosen bekommen, wie Gelenkarthrose oder anders dauerhaft ramponierte Knochen. Bei mir ist es ein Riss. Herkunft muss noch geklärt werden. Schlecht ist es, weil ich in den nächsten Tagen operiert werden muss. Gut ist wieder, dass ich das Glück habe (oder es die himmelschreiende Ungerechtigkeit gibt, dass …), durch das Berufsbeamtentum privat versichert zu sein und so einen ziemlich guten Mann aus Köln dazu ins Vertrauen ziehen kann. Der beste Orthopäde der Welt raunte mir zu, dass der Mann nur Kniee macht und es vielleicht sogar hinkriegt, den Riss zu nähen, anstatt nur das Geschädigte zu entfernen … Also wenn es einer hinkriegt, dann dieser alte Studienfreund von der Focus-Bestenliste. Und da ich bereits mit einer kaputten Achilles-Sehne ähnlich gute Erfahrungen mit einem Wunderschnippsler aus Essen-Kettwig gemacht habe, der auch nur in Fersen schneidet, gehe ich optimistisch an die Sache.

Schlecht, weil ich wohl meine sportlichen Pläne für dieses Jahr vergessen kann, denn der Heilungsprozess dauert. Außerdem, und ich weiß, da lachen einige drüber, mir fehlt die Schule. Ich habe doch sonst gar nichts mehr, worüber ich mich aufregen könnte …

Ach ja, veganer Schwerpunkt ist immer noch: Nur einmal aus Versehen Schupfnudeln gegessen. Mittlerweile rückgängige Hautexzeme und vier Kilos ohne Hungern verloren. Ist schon ziemlich geiler Scheiß: so gesunde Ernährung und so.

Stunden der Wahrheit: Warten auf…

Ich hasse Arzttermine: Sie dauern unendlich lange und haben meist Folgebesuche zur Folge.

Darum habe ich ja noch eine Woche auf Wunderheilung gehofft und sogar versprochen, öffentlich nicht mehr Gott zu leugnen. Aber nun kulminiert das das Theodizee-Problem bei mir in der Frage, wie es einen Gott geben kann, angesichts meines schmerzenden Knies, obwohl ich sogar meine Ernährung auf den Prüfstand stelle fortan unfassbares Tierleid verhindere und so tue, also ob ich so eine Pampe wie auf dem Bild gerne esse. Das müsste doch selbst mit Yin und Yang zu Erfolgen führen.

So sitze ich im wohltemperierten Wartezimmer… und … warte!

Zu anderen Wartenden ist das Verhältnis ja immer angespannt: War die nicht später gekommen? Höre ich da nicht den leisen tuschelnden Ton der Arzthelferin, dass man jemanden noch dazwischen schieben könne? Ja, haben die denn alle einen Termin hier? Oder müssen die wirklich hier sitzen?

Aber glücklicherweise habe ich Zepp Oberpichlers neuen Schmöker ‚Chuck Berry over Bissingheim‘ dabei, der sich locker in einem Stündchen Wartezeit weglesen lässt. Zepp ist ein wahrer Meister des Fabulierens! Ist echt ein Genuss und lässt den Argwohn schmelzen, denn die Zeit war nicht verschwendet. (Review folgt demnächst im Plastic Bomb)

Das Ergebnis ist ernüchternd. Meniskus wird vom Entzündungswasser erdrückt. Der kompetenteste Mediziner der Welt muss aber klären, was hier zuerst Henne und Ei ist: Drückt eine Entzündung, verursacht von einer muskulären Dauerbaustelle auf den Meniskus oder ist der Meniskus die Ursache des heißen Knies. Letzteres wäre besser, da hätte ich wohl die richtigen Maßnahmen eingeleitet und könnte alles wegspritzen oder, wie mir Daniela riet (die damit zur härtesten Triathletin der mir bekannten Welt avanciert), es mit Blutegeln zu therapieren. Sollte ich es vielleicht doch noch mit Beten versuchen?

Wenigstens bekomme ich bis zum MRT grünes Licht, tretende Fahrradbewegungen, Aquajogging und Kraulschwimmen machen zu können. Nur Treppen und Fußwege darf ich meiden: Autsch! Meine erste A.U. seitdem ich nach einer Tour mit Terrorgruppe indisponiert war. Da arbeitete ich noch bei der Sparkasse.

Tag 3: Vegane Pampe und Muckibude

Am dritten Tag der Ernährungsumstellung widmete ich mich ausgiebig der Essensvorbereitung. Das scheint eine der künftigen rituellen Handlungen meiner neuen Ersatzreligion zu sein. Also erst einmal mit den Übungen gestartet, die locker von der Hand gehen. Die Mehlschwitze vom Rosenkohl lässt sich ja ziemlich easy anstatt mit Butter mit Pflanzenmargarine zubereiten. Kartoffeln mit Wasser stehen von jeher nicht unter üblem Verdacht. Und die veganen Tofubällchen von Norma sind eh ganz großes Kino. Wie es mit den Bratlingen aus dem Aldi-Sortiment aussieht, weiß ich nicht so recht. Die lagen noch im Kühlschrank rum. Die Zutatenliste offenbart erst mal auch nichts Verwerfliches: Vermutlich übersehe ich aber irgendeinen Ei- oder Milchprodukthinweis. Aber ich habe ja auch einen veganen Schwerpunkt gewählt, wohlweißlich der Tatsache bewusst, dass ich keine Lust verspüre in meinem Alltag jedes Gericht zu hinterfragen. Sonst kann ich ja nirgends mehr hingehen, außer auf AZ-Partys: Und danach steht mir (noch) nicht der Sinn. Der Kartoffel-Gemüse-Eintopf für den nächsten Tag läuft auch nach Schema F. Einfach alles rein in den Topf, Kochen und am nächsten Tag abschmecken. Da macht man mit Lauch, Karotten und Böhnchen nix verkehrt. Schnell gehen ist auch ein Qualitätsmerkmal. Schließlich dient die Nahrungsaufnahme in erster Linie dem Sattwerden, wie der große Philosoph Heinz Strunk einst postulierte.

In der Muckibude bleibt mir einzig der Fahrrad-Ersatz, der während des ungemütlichen Winds erträglich ist. Außerdem ist das die einzige Beinbewegung, die schmerzfrei läuft. Dazu schön Svealena Kutschkes ‚Stadt aus Rauch‘ angemacht und man vergisst glatt, dass man völlig sinnfrei bei FITX den Hamster macht. Aber Bewegung muss sein und da ist es gut, wenn man der Hörkanal so belegt ist, dass die restlichen Sinne vernachlässigt werden können. Wirklich ein tolles Buch: Wer Familiengeschichten mag, der kann eigentlich nicht vorbeigehen. Hat einen ähnlichen Charme wie T.C. Boyles ‚World’s end‘ und das Zeug zum Klassiker.

Ansonsten wollte ich mit dem Gang in die Muckibude ja gerade Verletzungen wie die aktuelle vermeiden, indem ich einfach mal vernachlässigte Muskelgruppen nachbearbeite und etwas mehr Körpergefühl bekomme. Da ist das Rudelschwitzangebot bei FITX tatsächlich eine feine Sache (gewesen)… allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass der Hallenboden durchaus in Zusammenarbeit mit den Übungen (viele Kniebeugen und Ausfallschritte) etwas mit meinem lädierten Knie zu tun hat. Ich mag da gar nicht drüber nachdenken…

Tag 2: Nüsse, Hülsenfrüchte, Gemüse und Aquajogging

Tag 2 meiner indirekten Challenge-Vorbereitung verlief im Sinne der der Informationssammlung. Wenn Lehrer nun mal Zeit hat, beschäftigt er sich auch gerne mit den Dingen. Das lenkt die Gedanken ja auch auf Künftiges anstatt dem Vergangenem hinterher zu trauern.

Bin nun optimal aufgestellt, wenn es um Iseleucin, Valin, Methionin, Leuthin, Tryptophan, Lysin, Phenylalin, Theonien und den anderen Kollegen geht, die für Eiweiß, Blutkörperchenbildung, Blutzucker, Knochenaufbau etc. zuständig sind. Damit sollte dem gezielten Muskelaufbau, der zügigen Regeneration und der Immunabwehr neue Kraft gegeben werden. Das Frühstück steht auf jeden Fall. Ein Wunder, dass ich in meinem Sportlerdasein so weit gekommen bin, ohne diese gezielten Ernährungsimpulse.
Für Ideen auf dem Tisch ist also gesorgt, alles was bisher unter Alibi lief, wird Standard und die Waage lässt die Belohnungssysteme im Gehirn klingeln.

Allerdings tut sich noch nichts in punkto Wunderheilung des Knies: Sieht wohl aus, als müsste da der Wunderorthopäde meines Vertrauens wieder ran: Also geschwind einen Temin in Rheinberg gemacht und Bewegungstherapie gemacht: Aquajogging und gleich Radtraining in meiner Lieblingsmuckibude.
Aquajogging lädt ja direkt zum Entschuldigen ein. Es steht entweder für alt und/oder Hausfrau sein oder für irgendwie merkwürdig veranlagt (letzteres sagt man ja auch Veganern nach). Mit Ring um die Wampe sehe ich auf jeden Fall so alt aus wie ich es bin. Gleich fühle ich mich genötigt zu erklären, dass ich verletzt bin. Die Wasserballmami, die auf der Bahn neben mir immer ihre Bahnen zieht, beruhigt mich aber: Sie wisse ja, dass ich echten Sport mache… und natürlich, dass ich schon so alt sei, wie ich aussehe.
Während ich da hin und her schleiche, male ich mir aus, wie ich mich genau an diesen erniedrigenden Moment erinnern werde, wenn ich ab Kilometer 30 auf der Laufstrecke in den Überholmodus kommen werde. Anders geht es nicht.
Und nun ab auf’s Rad. Wie gut, dass es Hörbücher gibt.