Duischord: Salon Alter Hammer, Onkel Stereo, Telemark, Storno = Max Nuscheler

Parallel zum sportlichen Abstieg und städtebaulichen Verfall von Duisburg prosperiert derzeit der Kulturbetrieb fernab öffentlicher Subventionsgräber. Mit Max hatten Vasco und ich neulich einen der mitverantwortlichen Akteure in der Besten Radioshow. Anlass dafür waren drei Neuveröffentlichungen auf seinem Label, von denen er bei zweien selbst als Sänger aktiv ist, die ich allesamt für das Plastic Bomb besprechen durfte.

Da das zusammen ja eine ganze Menge ist, habe ich es hier im Blog zusammengefasst, weil ja jede Aufmerksamkeit eine gute ist. Er selbst ist zwar ein Dampfplauderer vorm Herrn und kann sogar so schnell denken, wie sprechen, aber ich habe den Eindruck, dass er angesichts seines enormen Outputs viel zu wenig gewürdigt wird.

Mit Lebensgefährtin Sabine zusammen betreibt er das Label Salon Alter Hammer, das erlesene Bücher (u. A. von Tom Tonk)  und hochwertige Tonträger der eigenen Bands Telemark und Storno sowie befreundeter  Musikanten (jüngstes Kind: YASS, bekanntestes: Sleaford Mods) unters Volk  streut.  Zusammen führen sie auch das  Onkel Stereo Geschäft in der Duisburger Innenstadt, wo  der geneigte Käufer das vermutlich ehrlichste Duisburg Merchandise kaufen kann. Daneben organisiert der Lokalpatriot auch das eine oder andere Konzert im Djäzz und ist Aufrechterhalter der Städtefreundschaft mit der anderen schönen Stadt in Deutschland  (Freiburg).

Darüber sprachen wir am 3.8.2016 in der Besten Radiosendung, bzw. versuchten zu sprechen, denn so seriös seine Anliegen auch sind, er ist durchaus auch ein Freund der sinnbefreiten Kommunikation und damit der perfekte Gast für die Sendung.

Und hier sind noch die drei Kritiken der musikalischen Vernunft aus dem kommendem Plastic Bomb nebst Bandcamp-Links:

Storno – wellness LP + CD

Ich weiß gar nicht, ob die hier aus Kübeln ausgeschüttete Misanthropie mit Augenzwinkern vorgetragen ist. Aus ästhetischer Perspektive liegen die hier beschriebenen Stücke Menschheit schon in die Schubladen „Warum ist das?“ und „Warum muss ich das alles erleben sollen?“. Neben dem Ärgen über die Arschlöcher kommt die Absurdität des menschlichen Lebens und die Rolle des eigenen Ichs darin nicht zu kurz. Die elliptischen Texte sind direkt und Ausrufe und Fragezeichen die Satzzeichen der Wahl. Das Coverartwork – ziemlich lustig – zeichnet ein Bild vom vergangenem Idyll der 60er und 70er: Familie, Urlaub und Kindheit dagegen. Man ahnt nicht, dass das mal so schlimm endet.

Und die Musik? Keine Sorge, die Jungs hier sind Experten: Die Rhythmusfraktion leistet ganze Arbeit. Bass und Schlagzeug treiben den Sound pulsierend nach vorne. Oft denke ich an Trend, öfter an Fugazi um die Jahrtausendwende und gar nicht so selten an The Doors. Hört sich komisch an? Vielleicht, aber die Hitdichte überzeugt dennoch. Meine persönlichen Favoriten sind „Winter“, „Beisitzer“, „Huch“ und „Reden ist silber“.   

Telemark – input/out LP+CD

Mit dem neuen Album sind Telemark schon verdammt nah dran an der Idee des perfekten Langspielers. Ich kann es gar nicht in Worte fassen, aber waren Telemark schon immer so groovy? Haben sie schon immer so eine Wucht gehabt? Und überhaupt, waren sie schon immer so abwechslungsreich?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, will es gar nicht wissen, denn sonst wäre mir wirklich etwas entgangen. Telemark sind mal wavig kühl, dann wieder kurz noisig, tönend und laut. Und erst dieser immer wieder manisch treibende Beat, der die Songs nach Belieben treibt, döppt, bremst und wieder nach vorne peitscht. Das könnte genauso gut ein Joint Venture von Goldenen Zitronen und Trend sein. Textlich bieten Telemark auch so einiges an identifikationsstiftenden Chimären an, die zur näheren Betrachtung einladen, denn einerseits wirken sie manchmal kryptisch (Der Wortort), sind oft aber sehr konkret (z. B. Menschomat oder Schokolade). Dabei setzen sie sich geschickt in den Hiatus zwischen Zeitgeist- und Gesellschaftskritik einerseits und dem sehr subjektiven Empfinden. Und wem es dann zu viel wird, dem „wird schon“ am Ende geholfen. Hört sich jetzt verwirrt an? Ist es auch, denn diese Scheibe macht bemerkenswerte Brause im Kopf. Schön, dass sie zudem solche Hitqualitäten hat (mit den Duisburger gute Laune-Hits: Jammer Jammer Hey!, Kaputte Köpfe, Menschomat, Nicht wollen wollen u. A.). 

YASS – Things that might have been LP

Ja, bin ich denn jetzt der Haus- und Hofberichterstatter vom Salon Alter Hammer? Aber was will ich mich beschweren? Drittes Release, wieder dieselben Leute, die auch schon bei Telemark, Storno, Ten Volt Shock und Kurt mitspielen. Und wieder was Anderes, was Geiles. Diesmal wird auf einen Sequenzerteppich eingedroschen. Das erinnert herrlich an europäischen 80er-Sytnthie-Wave-Sound vom Schlage Front 242. Dazu natürlich das noisige Stonerrock-Gemisch, das auch schon KURT unnachahmlich hinzauberten. Das passt wieder erstaunlich gut. Wie darf man das Genre nennen? Industrial-Noise-Core fände ich passend. Kommt garantiert auch gut bei voller Lautstärke im tiefergelegten Dacia vom Michael Will.

Danke für das Fußballwunder!

In Ordnung, so hatte ich das nicht gemeint. Ich hatte nicht gehofft, den Brausemeister aus der DDR zu schlagen, um dann gegen Würzburg so eine jämmerliche Vorstellung zu erleben. Schlimm, dass das dann auch noch live übertragen worden ist. Aber ich hätte ja gewarnt sein müssen. Ist mein Verein ein nicht ständig versagender Club, zumindestens wenn es wirklich um etwas geht? Endspiele werden grundsätzlich vergeigt. Man denke nur zurück an das Pokalfinale gegen Bayern und vor ein paar Jahren gegen Schalke. Während beinahe jeder andere Verein zwischendurch mal über sich hinauswächst, um etwas ganz Großes zu

Eisenpimmel bringen es auf den Punkt!

schaffen, ist der MSV Meister im Versagen. Rutschen sie mal versehentlich in europäische Wettbewerbe, kriegen sie gleich in der ersten Runde sofort eine dicke Klatsche wie damals in den Neunzigern gegen so einen belgischen Krüppelclub. Sieht man mal vom Amateurmeistertitel und dem Niederrheinpokal ab, kriegen es die Zebras nicht auf die Kette. Andere Vereine machen mal einen Durchmarsch durch die Ligen. Der MSV kann noch nicht einmal einen Hauch von Aufstiegseuphorie mit in die abgelaufene Zweitligasaison nehmen, um sich eine Saison zu halten. Vereine wie Sandhausen oder jetzt Würzburg kriegen mit erheblich weniger Mitteln deutlich mehr gebacken. Und Jahr für Jahr tut man sich das an. Jetzt wieder ein Jahr 3. Liga, wenn die Lizenz erteilt wird. Die Highlights sind Paderborn, Münster und Fortuna Köln (oder sind die abgestiegen?). Der Rest besteht zum Großteil aus DDR-Oberligisten. Einziger Vorteil, ich kann die Auswärtsniederlagen auf MDR im Livestream gucken (oder ist der mittlerweile auch wieder gestrichen?). Ach Gott1, Fußball ist ein Scheißspiel. Warum wohne ich nicht in Freiburg und kann mich mit einem Club freuen, der seit Jahren alles richtig macht und es immer wieder schafft, zu begeistern und die Großen zu ärgern?
Ich komme halt aus Duisburg und der MSV ist der Verein der haargenau zu dieser gentrifizierungsfreien Zone passt. Das harmoniert einfach wunderbar, denn hier ist unten, hier ist Keller und damit lebt es sich sonst ja auch ganz nett.

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Bitte, bitte: Fußballwunder!!!

Morgen spielt mein Verein um seine Existenz. Nach einer restlos verkorksten Zweitligasaison besteht nun die Möglichkeit, sich noch einmal mittels eines Kraftakts auf dem Relegationsplatz zu halten, um gegen Würzburg dasselbe noch zwei Mal zu wiederholen. Damit wäre die Saison gerettet und ein Fußballwunder geschafft, das niemand, ich am allerwenigsten, dem MSV Duisburg noch zugetraut hätte.

20150503_140219-1Ein anderes Szenario ist aber ebenfalls nicht unwahrscheinlich. Und das ist noch um einiges symbolträchtiger: Die Fußballabteilung des Getränkeherstellers Red Bull ist nicht charakterschwach und/oder die Zebras scheuen im falschen Moment richtig. Der Traditionsverein steigt in die endgültige Bedeutungslosigkeit ab, um sich später zu den beiden Rot-Weißen oder wie sie alle heißen für eine letzte Saison in die Palliativabteilung Regionalliga West zu begeben, während RB Leipzig sich auf Dauer in die bunte Plastikwelt der 1. Bundesliga einkauft.

Gerne würde ich ja noch ein Jahr in der zweiten Liga sehen, die sich aus meiner Sicht als die deutlich attraktivere Alternative der beiden Bundesligen erweisen würde: 1. FC Kaiserslautern, St. Pauli, F95, 1860 München, Arminia Bielefeld, VfL Bochum, KSC, Union, Hannover 96 und zwei aus FCN, VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt. Ja, ich schreib es ungern, natürlich auch so ein Asiverein wie Dynamo Dresden ist attraktiver als Ingolstadt, Hoffenheim, Leipzig und Wolfsburg zusammen, wenn auch nur, um sie als stereotypes Feindbild für den braunen Osten zu haben.

20160514_122433.jpgEin weiteres Jahr, attraktive Gegner und eine einigermaßen volle Gästekurve wären mir ganz recht. Besser wäre nur noch das dritte Szenario: F95 ist so besoffen vor Glück, dass sie mit drei Toren verlieren und RB wäre die charakterlose Legionärstruppe, die sie angeblich sind. Dann wäre meine heile Fußballwelt kurzfristig wieder endgültig im Lot.

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State of the Art: Bildung heute

wp-1458818027082.jpegEin Jahr ist nun das Referendariat beendet und ich blicke nun insgesamt auf die ersten sechs Jahre meines neuen Lebens in der Bildung zurück.

Aus der Distanz hatte ich immer einen Plan für eine bessere Welt, der so in eine Mischung aus Sozialromantik und Revolution eingebettet war: Mehr Geld, mehr echte Demokratie, Freiheit und während des Studiums kam dann noch die Säule Bildung dazu. Aber je näher ich an die Ausführung der Pläne komme, desto mehr wandelt sich das Bild von der Utopie in eine reale Dystopie.

Als Lehrer bin ich nun Teil eines Systems, das die Bildung der Kinder gegen die Wand fährt. Das fühlt sich ungut an, wenn man ganz nah dran ist und sich ohnmächtig fühlt.

Mit Bildung sollte man schließlich alles bekämpfen können: Armut, Dummheit, Rassismus, Religion, Umweltzerstörung etc. Würden alle nur schlau genug sein, führten wir keine Facebook-Diskurse, sondern wählten eine gepflegte Debattenkultur.

Leider steht es nicht besonders gut an der Bildungsfront. Es funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen. Sind die Lehrer schlecht, die Schüler dumm? Oh, Entschuldigung bitte, sind sie heute alle nicht alle krank? Sie haben ADS, ADHS, Dyskalkulie, LRS, Wahrnehmungsstörungen, Allergien und meistens sind sie auch noch hochbegabt.

Engagierte Eltern – das sind die, die sich kümmern – rennen deswegen von einer Nachhilfe zur nächsten Therapie. Diagnosen habe ich natürlich in meiner Unterrichtsplanung zu berücksichtigen. Da macht das bisschen Inklusion und Integration auch keine Probleme mehr. Dem einen Kind muss ich Bewegung ermöglichen, dem anderen dürfen keine Geräusche zugemutet werden, dem nächsten muss das Klassenzimmer reizarm gestaltet werden, die Übernächste braucht Extrahilfe, um den Stift in die Hand zu nehmen und, und, und…

Manche Eltern – das sind die, die sich nicht so kümmern – belassen es dabei und geben ihre Kinder in der Schule ab. Die Zeit wird schon rumgehen, auch ohne Diagnose und Nachhilfe. Schließlich kriegen die meisten Kinder doch immer irgendwie ihren Abschluss.  Wer einmal Aufgaben und Bewertungshorizonte von Zentralen Abschlussprüfungen gegoogelt hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Und wenn man dann noch weiß, dass die Aufgabenformate permanent eingeübt werden, weil die Fähigkeit fehlt, andere als immer dieselben zu verstehen, begreift auch, warum lauter als früher gefeiert wird. Schließlich wird alles wieder gut gePISAt und jedes Scheitern kriegt man empirisch in Erfolg verdreht.

Das muss ja auch so sein, denn sonst müsste Bildungspolitik und Lehrerausbildung ja als gescheitert angesehen werden. Macht aber niemand. Stattdessen wird ein Unfug nach dem anderen als Bildungsinnovation abgefeiert. Jede ganzheitliche Sau wird planlos durch die Bildungslandschaft getrieben. Lehrer sollen bitteschön nur noch Lerncoach sein: Bloß nicht zu präsent sein, die Kinder alleine machen lassen – das ist schließlich viel nachhaltiger als das bloße Hineintrichtern von Faktenwissen im Frontalunterricht –, bei Problemen helfen, unterstützen und erklären sich die Kinder alles untereinander. Ihren Lernprozess lernen sie von selbst zu überwachen. Das klappt wunderbar und ich spüre regelrecht, wie hier eine ganz neue Generation heranwächst. Die können nachher immer toll reflektieren und evaluieren.

Die Kinder lernen in vielen Grundschulen nach dem Motto ‚Schreip widu schprichst‘, damit die kleinen Racker nicht die Schreiblust verlieren, weil es ja die Motivation zerstört, wenn die Kleinen gesagt bekommen, dass man das auch richtig schreiben kann – es ist ja schon anstrengend genug, einen Stift in der Hand zu halten –. Schreiben, so die Grundannahme – kein Witz –, erarbeiten sich die Kinder dann alleine. So können Motivation und Spaß im Vordergrund stehen. Spaß macht die Schule trotzdem nicht und kein offener Unterricht macht so viel Spaß wie das Smartphone, mit dem die Kinder schon früh ihre Art von Erfolgserlebnissen produzieren. Damit kann das hilflose Gekritzel, das sie in der Schule produzieren, nie konkurrieren. Aber mit ihren ganzen scheiß Medien sind die Blagen ja schön beschäftigt und man muss nicht mehr mit ihnen sprechen, ihnen Grenzen aufzeigen, ihnen Freiraum geben, ihnen helfen oder einen Tritt in den Arsch geben. Dafür werden die kleinen Prinzen und Prinzessinnen dann andernorts gepampert. Ersatzhandlungen, wie die Kinder überall mit dem Auto hinfahren oder überdimensionierte Geburtstagspartys veranstalten, sind Zeichen ihrer Fürsorge. Folge davon: Die kleinen überdrehten Patienten können in der realen Welt gar nichts. Und aus dieser Lebenswelt soll sich in der Schule etwas entwickeln. Könnte klappen, funktioniert auch zum Teil auf den Gymnasien, weil dort kräftig zu Hause nachgearbeitet wird. Zuhause – nach der Schule – findet heute Bildung statt. Noch nie wurde so viel Nachhilfe in Anspruch genommen wie heute. Schule hat schon lange aufgegeben, Wissen zu vermitteln. In den 90ern wurde dafür der Euphemismus Outputorientierung herangezogen. Kompetenzorientierte Lehrpläne und gemeinsame Bildungsstandards der Länder waren das Resultat. Liebe Eltern unter euch, lest euch bitte mal so einen Kernlehrplan eines Faches in eurem Bundesland durch – könnt ihr googeln –, ihr werdet staunen, was eure Kinder so alles können und wissen, wenn sie die Schule verlassen. Nur nicht wundern, wenn ihr davon noch nichts bemerkt habt, selbst wenn das Kind noch ganz gut vom Notenbild aussieht. Nicht nur bei euch klafft eine gewaltige Lücke zwischen Anspruch und Realität, gerade wenn euer Kind auf so einer Resteschulform Schule des gemeinsamen Lernens2 wie Sekundar- und Gesamtschule gelandet ist. Dort ist Scheitern nämlich kategorisch verboten, denn das ist der Ort des gemeinsamen Lernens: Hier werden alle Unterschiede nivelliert und Heterogenität auf allen Ebenen ist das große Plus. Die Schwachen profitieren von den Starken und die Starken verstehen besser, weil sie den Schwachen helfen. Dabei spielt Unterschiedlichkeit aus sozialer, personaler und ethnischer Sicht heraus nur eine bereichernde Rolle. So die Theorie, die von den Elfenbeintürmen über das Land gestreut wird. Ich musste das alles während meiner Ausbildung schön aufsaugen und in Prüfungen wiedergeben: ideologisch aufgeladener reformpädagogischer Wahnsinn. Irgendwie ließ sich alles unter Laborbedingungen als wirkungsvoll verkaufen. Jede Form hiergegen aufzubegehren wurde abgestraft und war ein Spiel mit dem Feuer. Meine Ausbruchsversuche kann ich noch in Jahren an Einzelnoten erkennen, die dann nicht sehr gut waren, wenn sie nicht der Leer Lehrmeinung entsprachen. Die Deutungshoheit lässt man sich dort ungern nehmen.

Horden von gehirngewaschenen Junglehrern sind die Folge, die kaum ein alltagstaugliches Handlungswissen haben und sich im von Ansprüchen überfrachtetem Alltag über Wasser halten. Dafür stellen die Schulbuchverlage die Rettungsboote gefüllt mit differenziertem Material zur Verfügung.  Das können die Schüler dann im offenen Unterricht je nach Lust und Laune abfrühstücken individuellem Forder- und Förderbedarf sowie Lerntempo bearbeiten. So ähnlich stellt sich der Hobbypädagoge Richard David Precht bestimmt die schöne neue Lernkultur vor.

Aber ich werde ungerecht, denn dagegen kann man nicht anstinken. Dem ganzheitlichen und gemeinsamen Lernen ist ja noch der moralische Geschmack des Guten beigemischt. Wer wünschte sich nicht, eine Jugend heranzuziehen, die eine offene und tolerante Wertegemeinschaft lebt, in der jeder nach seiner Fasson gleiche Chancen hat, glücklich und selbstbestimmt zu leben? Und da ist es doch gemein, wenn es in der Schule so funktionieren müsste, wie im normalen Leben: so mit Anstrengung und Leidenschaft. Oder man stelle sich vor, es würden – o Gott, welch Frevel – homogenere Lerngruppen geschaffen werden, so dass dort auch – jetzt kommt es noch schlimmer – kognitive Lernziele angestrebt werden können.

Leider schafft ein künstlich beschaffener Raum, der Chancengleichheit begünstigen soll, genau das Gegenteil. Die Unterschiede werden immer größer: Ein Kind mit Hauptschul- oder Realschulabschluss wird heute in die Welt entlassen, ohne adäquat lesen, rechnen, schreiben zu können. Es hat nie die Erfahrung gemacht, dass es etwas leisten kann, dass es scheitern kann, wieder aufstehen, sich schütteln und neu anrennen. Es hat oft überhaupt kein belastbares Wissen und ist empfänglich für jede Art von Indoktrination und Beeinflussung. Es kann den abrupten Wechsel, auf einmal hilflos selbst auf die Anforderungen des Lebens reagieren zu müssen, gar nicht realisieren. Und obwohl Wissen heute wirklich frei verfügbar ist, kann es nicht darauf zugreifen und es nutzen. Diese Generationen von Bildungsverlierern werden die Heerschaaren von Billiglohnsklaven, Unzufriedenen und Perspektivlosen sein, die dereinst den Bodensatz der Gesellschaft bilden, weil sie später leider nicht der Ausgewogenheit halber in die ChefInnenetagen inkludiert werden.

 

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Eisenpimmel- Viva la nix (alle 6 Seiten)

So, der Review für das neue Plastic Bomb ist jetzt fertig geworden. Und er ist so unfertig, wie nur jede Kritik am neuen Eisenpimmel-Album sein kann, denn hier handelt es sich um schlichtweg um Musikgeschichte. Daran werden sich noch viele die Zähne ausbeißen, weil hier steckt soviel Grips, Liebe und Genie drin, wie ich es noch bei kein Album Eisenpimmel-Viva la nixzuvor schreiben konnte. Und ich bin heilfroh, dass es auch ohne den – zweifelsohne vorhandenem – künstlerischen Überbau funktioniert. Ich hatte nämlich ordentlich Angst, Siggi und Bärbel könnten sich hier ordentlich verheben tun und so ein „gewollt, aber nicht gekonnt“-Album produzieren, dem man das Bemühen anerkennt, aber dem die Hits fehlen. Dem ist nicht so, denn hier wären mindestens ein dreckiges Dutzend Singleauskopplungen für die nächsten Jahre drin:

Ass im Ärmel bietet Punkrock mit Botschaft: ‚Würde ist ein Konjunktiv und das Letzte, was wir verlieren‘.

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EISENPIMMEL – Viva la nix Seite 1

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Die Spannung wächst, die neue Eisenpimmel-3er LP Box / Do CD liegt vor.

16:36 Overtüre / Theme from Nix

Eisenpimmel machen ernst: Trommelwirbel und das Girokonto spricht den Prolog. Nein, das ist nicht lustig, das kann kein lustiges Album werden. Es geht um Geld und Verteilung. Der Albumtitel „Der Untergang des monetären Wirtschaftssystems (aus Sicht eines Girokontos)“ ist nicht als Scherz gemeint.

16:46 Auf der nach Problemen

Ich bin perplex: Ein richtig wütender Opener gegen Deregulierung. ‚Kontra Entwicklung  – pro Stagnation‘: Eine Hymne gegen die Zukunft. Brilliant.

16:50 Steig in den Stoff

Eisenpimmeltypisches Gespräch vorm Kiosk. Das arme Land als traurige Pfandflaschensammlerin gegen Kapital und Großinvestor.

16:53 Hier kommt Ärger

Das arme Land rebelliert und begehrt auf.

16:55 Wat geht mit ficken?

Der notorische Defizitsünder will nicht viel. Wer findet das nicht sympathisch.

17:00 Drei Stunden große Schnauze

Große Fresse hat der notorische Defizitsünder. Man klar, er will nicht viel, aber in Zukunft gibt es da ganz leicht noch weniger.

So, die erste von sechs Seiten ist gehört. Und es ist ganz klar: Sie haben ihr vorhaben durchgezogen, eine komplette Neuausrichtung der Band damit zu wagen. Es ist ein Konzeptalbum, eine Rockoper, Punk-Musical oder was auch immer mit ganz klarer Ansage. Hier versteckt sich in jeder Äußerung Systemkritik, ohne das Eisenpimmel grundssätzlich von ihrem Stil abweichen würden. Die Sprache bleibt, die Mucke ist bombastischer… Es gibt einen deutlichen Subtext und globale Probleme der Finanzwirtschaft werden auf den kleinen Horizont der Duisburger Trinkerszene projeziert. Das ist ein ganz schwerer Spagat, den sie bis jetzt souverän hinkriegen.

Ich werde mir für den Rest deutlich mehr Zeit nehmen. Das kann man unmöglich mal eben kurz machen. Für die neue Eisenpimmel brauche ich jetzt Zeit, genau wie das bei einem FM-Einheit-Hörspiel oder einer neuen Goldene Zitronen wäre.

 

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Gebhardt, Lars: Die Reise zur grünen Fee

Die Reise zur grünen Fee.

Abel, so werden die meisten den Autor wohl nennen, hat alles, was dazu gehört, ein literarischer Held der Punkrock-Szene zu sein: er hat Szenegeschichte geschrieben (Stay Wild Fanzine), singt in einer Punkrock-Kapelle (Projekt Kotelette), ist Freund von vielen berühmten Punkrockern (Bela B.), schreibt für ein namhaftes Punk-Fanzine (Ox) und ist ein charmanter Mann (das wird von der Damenwelt kolportiert). Ferner versteht er es ziemlich gut, sich als Autor in Szene zu setzen und selbst zu verkaufen, wie er es bei seinem Romandebut ‚Ein Goldfisch in der Grube‘ bereits gezeigt hat. Das muss ihm erst einmal nachmachen, finde ich. Ich subsummiere und komme zu dem Ergebnis, dass ihm jetzt nur noch ein richtig guter Roman fehlt.

Mit ‚Die Reise zur grünen Fee‘ liegt mir nun Abels zweites Buch vor, das ich recht schnell runter lesen konnte, obwohl es immerhin 230 Seiten stark ist. Das liegt daran, dass ich dem Ich-Erzähler gerne folge, denn er verschmilzt für mich immer wieder mit dem Autor, was mich des Öfteren doch zum Schmunzeln bringt. Abel und wie er die Welt sah. Und so ganz illegitim ist das ja nicht, denn der Text weißt sicher autobiografische Züge auf. So wirken die Szenen auf einem Konzert der Band DIE GEISTER und der Aftershowparty sehr authentisch. Und Abel kann solche Geschichten auch schön erzählen, so dass ich ihm gerne folge. Und das tue ich brav vom Anfang an, denn zunächst beschließt der Held, eine Reise mit dem Zweck der Selbstfindung zu beginnen. Diese führt ihn ins Prag der 90er-Jahre, wo er erst einmal jede Menge Bier und dann auch Absinth in sich hineinschüttet. Dabei wechseln seine Trinkpartner und er lernt auch Maria kennen, in die er sich auch sofort verliebt. Sie ist sich ihrer Gefühle aber noch nicht so ganz sicher, unser Held muss also warten. Und was macht er währenddessen? Richtig: er trinkt, isst, macht Sightseeing, stolpert, schwankt, trinkt und wechselt die Kulisse nach München, wo er ein ähnliches Programm absolviert. Mal habe ich dabei das Gefühl, einen Bericht für einen Reiseblog zu lesen, wenn ich ziemlich detailliert über die Sehenswürdigkeiten von Prag informiert werde, um dann unversehens mit dem Erzähler im Vollsuff zu versacken und es so gerade noch ins Botelbett (richtig: hier handelt es sich um ein Hotel auf einem Boot) zu schaffen. Dazwischen vergeht Zeit, die immer wieder damit gefüllt wird, dass man sich schnell zur Erfrischung ein paar Flaschen Pils vom Kiosk holt. Das macht der Erzähler wirklich gerne: am Bahnhof, nach dem Museum und bei romantischen Abendspaziergang mit Maria, eine Gelegenheit, die trockene Kehle zu ölen oder die aufkommende Übelkeit zu ersticken, findet sich immer. Da habe ich dann schon das Gefühl, der junge Charles Bukowski ist hier auf einem Ausflug mit dem Konfirmandenunterricht. Erstaunlich ist es, wie geduldig ich ihm dabei folge und noch erstaunlicher, wie schnell die Zeit dabei verfliegt. Irgendwann ist der Plot vorbei, das Buch ist ausgelesen und ich frage mich, was passiert ist? Ich glaube, sowas nennt man Kurzweil.

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Auch rasender Stillstand endet im Tod

Rasend still

Der Horror vacui schreckte dich

nicht im geringsten,

machtest immer weiter,

lebtest laut und gefährlich.

Warst entbehrlich.

Endlich!

Am ehrlichsten,

endlichsten.

Ende.

 

 

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Punkadvent

Punkadvent

 

 

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Bürgermedienpreis der LfM 2015: The winner is…

Gestern war ein sehr schöner Abend für mich, denn mit ehemaligen Schülerinnen meiner alten Wirkungsstätte, der Gesamtschule Kaiserplatz, besuchte ich die Preisverleihung zum Bürgermedienpreis 2015 im Sea Life in Oberhausen. In der Kategorie ‚Lokal‘ wurde der Radiobeitrag zum Thema ‚Trinkerszene am Theaterplatz in Krefeld‘ in der Altersgruppe 2 für die Auswahl zum besten Radiobeitrag nominiert und gewann ihn auch. (Hier die Links zur LfM)

wpid-20151124_175704.jpgGanz ehrlich, sowas sind schon die Sternstunden als Lehrer. Judith, Anna, Carolin, Alina und Annika hatten die Freiheit im Deutschunterricht genutzt und ein ganz großes Stück Radioarbeit gemacht. Sie recherchierten dafür am Theaterplatz in Krefeld, der für die dortige Trinkerszene mehr als stadtweit bekannt ist. Dafür hatte sie Anwohner, und Lokalpolitiker (u. A. den jetzigen Oberbürgermeister Frank Meyer) interviewt sowie direkten Kontakt mit denen, über die man sonst nur redet (lieben Dank an Karin).

Dabei sind sie vorurteilsfrei an die Sache herangegangen und haben eine Stunde Radio gemacht, in der das ganze Spektrum der Problematik beleuchtet wurde. Und wenn etwas dabei herauskam, dann der Imperativ, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen müssen, um eine Lösung zu finden, die allen gerecht wird. Daran wird sich die Lokalpolitik in Krefeld wohl messen lassen müssen.

Da ich nicht mehr an der Gesamtschule Kaiserplatz tätig bin, werde ich das wohl nur noch aus dritter Hand erfahren. Und für mich selbst kann ich nur hoffen, dass es mir mit dem Team der neuen Gesamtschule, die ich derzeit mit aufbaue, gelingt, Schülern für ähnliche Leistungen Raum zu geben. Damit hängen die Lorbeeren ganz schön hoch. Und in Geduld muss ich mich auch üben, bis meine Fünfer so weit sind.

Solange tröste ich mich erst einmal damit, dass für das nächste Jahr ein weiterer Beitrag vom Kaiserplatz ins Rennen geschickt wird. Thema ist Inklusion an Regelschulen. Und auch da wird sehr deutlich, dass sich Politik an der Realität messen lassen muss und nicht gut abschneidet.

Und eines ist noch ganz klar: ich sollte dringend mit meinen jungen Schülern Radio machen, auch wenn das zuweilen zermürbend und anstrengend ist. Schaun wir mal, ob das in Neukirchen-Vluyn genauso gut klappt, wie mit Studio TV in Tönisvorst, denn die haben ganz ohne Förderung der LfM auch einen ganz tollen Job gemacht (Danke, Michael Franken!).

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