Einkaufen bei Primus: Zombie-Apokalypse in den 80ern

Mein Stiefvater war ein Mann mit unerschütterlichen Ritualen und Einstellungen. Als Feuerwehrbeamter hatte man die CDU zu wählen und das Mittagessen sollte um pünktlich 12.00 Uhr serviert werden. Als Mann hatte er natürlich das Grundrecht, von meiner Mutter zu Hause bedient zu werden, wofür er im Gegenzug als Alleinverdiener die beengte 3 Zimmer Wohnung für die vierköpfige Familie und die Zigaretten für das Ehepaar, eine Schachtel HB für ihn und für Mama Ernte 23, finanzierte. Aber selbstverständlich war auch er bereit dazu, sein Privileg als Autofahrer für die Familie gewinnbringend einzubringen. Dazu gehörte es, wenn es der Schichtdienst zuließ, einmal die Woche zum Einkaufsparadies Primus zu fahren.

Duisburg Großenbaum war zu diesem Zeitpunkt noch Dorf ohne ausufernde Industriegebiete und Autobahnanschluss an die A59. Ein kleiner Lebensmittelmarkt lag direkt an der Haustür am Reiserweg, die Bild wurde am Büdchen erworben und es gab exakt einen Old-School-Aldi ohne Lametta… und eben diesen riesigen Primus am Ende der Welt zwischen Minigolf-Platz, Rahmer Baggerloch und Großenbaumer See gelegen.

Wir legten die 950 Meter standesgemäß im Familienfahrzeug, einem gelben Ford Taunus zurück. Zeit genug für eine schnelle Zigarette, die üblicherweise bei geschlossenem Fenster konsumiert. wurde. Ihr wisst schon: Das hat uns nicht getötet!

Auf dem riesigen Areal gab es auch eine Tankstelle,  die de Sprit immer gut 2-5 Pfennig billiger anbot. Ein Wert, den mein Vater schätzte, und der überhaupt gerne Gesprächsthema war. Der interessante Teil des Marktes war der im Erdgeschoss. Dort gab es neben allerlei Kleidung eben auch eine Spielzeug-, Hifi- und Plattenabteilung. AC/DC und  Pink Floyd gehörten zu den Schätzen der großen Welt, die ich dort Abgriff und mein Bruder ergatterte dort Mike Oldfield  und Styx, wenn ich mich recht erinnere.  20 Mark Taschengeld pro Monat mussten gut investiert werden. Häufig kauften wir darum auch Leerkassetten, um uns gegenseitig unsere Schätze aufzunehmen. Sich die Platte einfach auszuleihen, weil man auf 10 Quadratmetern  eh zusammenhockte, war  natürlich  tabu!

Meine Eltern hingegen kauften Fleisch an einer riesigen Fleischertheke. Auch das war übrigens ein Wert in unserer Familie.Wenn die Laune gut war, wurde dort ein Fleischwurstring gekauft, von dem mein Bruder und ich jeweils ein riesiges Stück zum Rohverzehr bekamen. Ansonsten gab es die Tüte Mr. Softy Milch, die an der A59 stand in klein.  In dem angeschlossenen Getränkemarkt gab es einen Kasten Brohler mit Orangengeschmack und für Papa eine Kiste Diebels Alt.

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Die Karawane der Papiertiger von Christian Friedrich Sölter

Endlich mal was ganz Unverfängliches: Das Buch des Hammerhai-Sängers Sölti ist für mich die logische Konsequenz seiner Texte für die Hannoveraner Band. Wie, die habt ihr vergessen? Kann gar nicht sein, bzw. ist nicht gut, denn für mich ist beispielsweise die ‚Erledigt‘-LP eine der Wiederentdeckungen dieser Tage: Feinste Mischung aus Novotny TV, Madness und Bosstones.

Aber das nur am Rande. In dieser kleinen Sammlung sind wohl Poetry-Slam-Beiträge von ihm zu finden. Und ich denke mal, dass sie mindestens autobiografische Züge haben. Der Blick des ewig dahin slackernden Landeis, das irgendwann in die Welt der Stadt geworfen wurde und immer irgendwo und irgendwie hängengeblieben ist, ist es, den wir als Leser gezwungen sind, einzunehmen. Dabei hilft es, dass die Helden der Geschichten der Welt nicht mit Hass sondern mit Staunen begegnen.

‚Die Revolution frisst ihre Kinder‘ ist so eine Geschichte: Der Dauerstudent Franz nervt eigentlich alle nur mit seinen selbstgedrehten Filmchen, ist sonst aber kein Böser, bis er sich den schlimmsten aller möglichen Fehltritte leistet. Eine böse Geschichte, die aber nicht so erzählt wird.

Kleine Geschichten Geschichten der Kindheit und Adoleszens auf dem Land. Die Begeisterung für das Mofafahren versteht man wohl nur, wenn man seine Kindheit in den 70ern hatte. Heute freut man sich als Radfahrer immer, wenn man diese Nähmaschinen auf zwei Rädern lässig überholt. Fußball ist auf dem Acker kein Zuckerschlecken, vor allem wenn man gegen vermeintlich Berühmtheiten ran muss, die sich dann als ehrliche Arschlöcher entpuppen.

Der Besuch beim Metzgereifachverkauf treibt in mir als ethisch korrekte Instanz natürlich normalerweise die Wut, hier zaubert sie aber ein Schmunzeln  her. Überhaupt weitet dieses Büchlein wieder die Grenzen der Toleranz, weil Sölti beim ganzen Hass, zum Beispiel auf die Kaufhaus-Dudelei, nie den Pfad der bedingungslos akzeptierten Gegebenheiten verlässt. Und da seine Geschichten auch so schön kurz sind, ließen sie sich exzellent vorm Schlafen lesen, ohne dass ich immer die letzten fünf Seiten neu lesen musste. Das muss man erst einmal schaffen.

Ein Buch, das unterhält, und ein Autor, der glücklicherweise nie den großen Hammer dafür rausholen muss.

Ob es das Buch noch gibt? Fragt mal bei Blaulicht-Verlag nach!

The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Alert – Peter Krause hat es nie gecheckt

In diesem Jahr hat Archi schon zweimal kleine Clips mit akustischen Songs gepostet. Ein selbst komponiertes Stück mit dem schönen Titel “Spanische Schmeißfliege” und eine Eddie van Halen – Coverversion von “316“. Beide Songs ließen insofern aufhorchen, dass ich dachte: “Wow, der kann ja richtig spielen!” Zumindest klingt das für jemanden wie mich, dem ein Musikinstrument so weit weg ist wie für andere der Mars, so.

Doch letzte Woche kam dann das Stück PETER KRAUSE, in dem Archi dann mit seiner markanten Stimme einen typischen Archi-Song raushaut, den er früher sicher für die Terrorgruppe gemacht hätte. Da Musik und Punk sich ja nicht ausschließen, funktioniert der Song richtig gut. Stellt sich also die Frage, ob da vielleicht etwas für die Zeit nach Terrorgruppe im Busch ist. Die Lücke wäre ja nicht gerade klein. Und meine Neugierde war geweckt.

Jetzt ALERT: War Corona doch zu etwas gut?

ALERT: Hallo Swen, ja ich mag dich auch. Ja Corona war tatsächlich zu etwas gut. Nicht unbedingt für mich als Musiker und mein Altenteil-Projekt „ALERT“. Für mich hat sich während Corona gar nicht so viel verändert, ich lebe seit geraumer Zeit sowieso sehr soziophobisch zurückgezogen. Corona hat der Menschheit mal wieder ein paar Grenzen aufgezeigt und zumindest soft angedeutet, dass die Natur noch so einiges in petto hat, um auf die fortschreitende unkontrollierte und gefährliche Ausbreitung einer Spezies zu reagieren.

Die einzige wirklich sinnvolle Konsequenz, die die Menschheit aus dieser und kommenden Pandemien ziehen kann, ist Gesundschrumpfung. Also kontrollierte Selbstdezimierung in Form von konsequenter globaler Geburtenkontrolle. Alles andere ist naiver humanistisch überheblicher Bullshit. Der Kinderwahnsinn muss ein Ende haben.

Musikalisch bist du ja jetzt eher ohne Strom unterwegs gewesen, wenn man mal von den Akustikversionen von bspw. „Ich schlafe mit mir selbst“ absieht. Man hätte bei dir ja auch mit etwas zwischen K.I.Z. und Terrorgruppe rechnen können. War das ein überlegter Schritt?

ALERT: Bevor Punk in mein Leben trat, hab‘ ich klassische spanische Konzertgitarre gelernt. Nicht besonders lang, aber es hat gereicht, um bei mir die Grundlagen für Fingerpicking zu verinnerlichen. Ich hab‘ nebenbei schon immer aus Spaß akustische Gitarrenstückchen komponiert und Demos aufgenommen, einfach weil ich es kann.

Lazy Riots – Queen & Kings CD

Opa Haefs von Cashbar Club aus dem Duisburcher Süden, also aus Düsseldorf, hat eine neue Band gefunden. Mit den Lazy Riots liegt dann hier auch eine durchaus variantenreichere  vor. Der Clash-Einfluss ist sehr viel verwaschener und durch den zweistimmigen Leadgesang zusammen mit Leo werden weniger Assoziationen mit Sonny und Cher oder Cindy und Bert geweckt, sondern vielmehr lassen sie mich, nach Aufforderung von Mari,  an die Swoons denken. “Zu laut” ist so ein  Kleinod, dass seliges Früh-90er-Feeling aufkommen lässt. Und wenn Leo auch “Irgendwie irgendwo irgendwann” hasst, so hat sich, wie Mari hier anmerkte, doch das Aahh-ah-ah aus dem “Leuchtturm” von Nena in Form eines Oohh-oh-ohs in den Chorus eingeschlichen. Da denke ich dann auch an die Mimmies, was sicher auch in den persönliche Freundschaften-Horizont der Band passen könnte.

Die Überzahl der Songs werden in englischer Sprache intoniert, was mindestens genauso schön klingt, hier aber eher natürlich britische 77er-Assoziationen weckt. Den beinahe Titelsong Queen & King gibt es gleich in zwei Versionen, einmal mit Leo und einmal mit Opa im Vordergrund. Und sei mir nicht böse, Opa, mit Leo am Gesang kickt der noch besser. Das wirft für mich die schwere Frage auf, wie ihr das live macht. Muss der Eine oder die Andere dann jeweils die Triangel spielen oder Gogo-Tanz performen? Zumindest bei Opa stelle ich mir das amüsant vor.

Auf dieser tollen ersten CD werden schon mal Erwartungen geweckt, und, vorsicht Spoiler!, man hört munkeln, dass ein namhaftes Label aus dem Duisburcher Norden schon die Finger drauf hat.

Dating-Website-Profiltext eines alten Arschlochs

Prolog

Vor einigen Monaten wurde ein lieber Freund, der seit Jahren nur sich selbst berührt, des Alleinseins überdrüssig. Da die Schenken eines üblen Virus wegen nicht geöffnet waren, beschloss er, sich bei den hinlänglich bekannten Partner-Vermittlungsseiten im Netz anzumelden. Es dauerte nicht lange und er wusste bei den üblichen Getränken und Musik viel Trauriges mir zu berichten. Was die Leute von sich glauben wollten, was sie zu suchen meinten und wie im Grunde alles doch immer nur auf denselben Blödsinn hinauslaufen sollte, das war erschütternd geradezu, denn niemand schien tatsächlich an einem anderen Menschen interessiert zu sein. Vielmehr ging es stets um körperliche Attribute („sportlich“), ein paar Spießer-Basis-Werte („Treue ist mir wichtig!“) und Methoden, die verbleibende Zeit gemeinsam totzuschlagen („Reisen, Restaurants“), garniert bisweilen mit geheuchelter Begeisterung für Bildung und Kultur. Mir wurde auf Anhieb speiübel.
Unglücklicherweise gibt es in mir jedoch seit frühester Jugend einen starken Zug zu allem Verzweifelten, Beschädigten und Abgründigen und gerade dieser machte sich nun ebenso bemerkbar. Hinzu kam die Tatsache, dass mich Langeweile stets auf schlechte Ideen bringt, und ohne jeden Zweifel hatte ich gerade nichts Wichtiges zu tun. Wie, so fragte ich daher mich und den Genossen, wäre es wohl, einmal einen durch und durch aufrichtigen Dating-Website-Profiltext zu verfassen und zu veröffentlichen?
Mein Freund, er ist ein guter, riet mir gleich energisch ab. „Nicht, dass du da noch in strafbaren Gefilden landest“, meinte er. „Du weißt, die Menschen heutzutage sind empfindsamer.“
Jetzt reizte mich das Unterfangen selbstverständlich umso mehr. Also schob er mahnend nach: „Denk wenigstens mal an das Gender-Sternchen…“
Herrgott! Ich dachte nicht daran.

Der Profiltext

Leise Grazie, Du prächtig Gewandete, von wallend Haar gülden, rot oder schwarz gesäumtes Wonnengesicht, aus Deinen Augen trinken die meinen Lust und Ideen, aus ihnen scheint so hell dies große Herz, welches tapfer unter Deinen weichen Brüsten schlägt, für mich, die freie Menschheit und alles, was ich sonst noch träum!

Vier Konzerte und ein Schmähgesang – 3 Tage Moers Festival

Wach bleiben

Mein Abschied von Livegigs fand im Februar 2020 statt. Es war ein würdiger Abschied, denn ich sah PISSE im Gebäude 9. Danach war Sendepause. Es ist dann gar nicht so einfach nach fast 15monatiger unfreiwilliger Abstinenz gleich mit einem ganzen Festival in die Welt der Livekonzerte zurückzukehren. Diese Welt ist nicht mehr so, wie sie vor der Pandemie einmal war. Ein ganzer Sack voller Regeln ist zu beachten und fehlende Praxis führt zu Konditionsprobleme. Gleich vier Tage am Stück nach Mitternacht noch auf den Beinen zu sein, ist eine Herausforderung, wenn im Pandemietrott oftmals schon um 9 die Leselampe ausgeknipst wird.

Improvisieren

Es ist eine enorme Leistung, ein solches Festival unter Pandemiebedingungen überhaupt Wirklichkeit werden zu lassen. Sich ständig verändernde Ein- und Ausreisebestimmungen, Inzidenzwerte und Virenmutationen machen eine Planung fast unmöglich. Kurzfristige Absagen, fehlende Einreisegenehmigungen, Quarantäneregelungen, ständige Kontakte zu Gesundheitsbehörden, der Lokal-, Landes- und Bundespolitik und dem Auswärtigen Amt sind die Rahmenbedingungen unter denen die Festivalmacher*innen vor und noch während des Festivals ihr Programm organisieren. BLACK COUNTRY, NEW ROAD aus London zum Beispiel sagen ihren Auftritt kurzfristig ab, weil ihr Erscheinen in Moers eine anschließende 14tägige Quarantäne für die Band nach sich gezogen hätte. Tim Isfort, der künstlerische Leiter des Moers Festival berichtet in der Pressekonferenz von dem ursprünglichen Plan 2021 einen künstlerischen Schwerpunkt auf den Kongo, Uganda und Äthiopien zu legen. Das ist unter den jeztigen Bedingungen nicht möglich. Das Vorhaben wird nun vielleicht 2022 umgesetzt.

 

Mein Kippe-Pulle-Maske-Problem in Moers

Wie macht man ein Festival mitten in einer Pandemie?

Das Moers Festival Team muss ein paar fähige Jurist*innen in seinen Reihen haben, denn trotz Lockdown werden Open-Air-Konzerte mit Zuschauern in einem Festivalrahmen möglich gemacht. Dabei sind Festivals grundsätzlich gar nicht erlaubt. “Juristische Feinheiten, Verordnungslücken, Tricks” raunt mir ein Insider ob meiner schwer investigativen Fragen zu diesem gelungen Coup nicht ohne Stolz zu. Mir reicht das völlig als Information, denn ich bin nicht Bob Woodward sondern nur ein mäßig ambitionierter Neu-Blogger mit Hang zur Gästelistenerschleichung. Wir freuen uns einfach gemeinsam, dass der Coup gelungen ist.

Der Schnelltest

Am Anfang steht ein QR-Code und ein Smartphone und damit wäre die skurille Minderheit der Nicht-Smartphonebesitzer*innen an dieser Stelle auch schon raus. Tschüss und viel Spaß mit eurem Videorecorder daheim.  Wir modernen Menschen scannen den QR-Code, geben unsere persönlichen Daten in ein Online-Formular ein und betreten das Schnelltestzelt. Die Wartezeit bis zum Testergebnis verbringen wir mit der Installation einer App, um das Testergebnis online abzurufen. Ein paar persönliche Daten, ein Passwort und ein zusätzliches “Superpasswort” später ist das Testergebnis auch schon da. Glücklicherweise negativ und wir bekommen dafür zwei Bändchen für den ersten und zweiten Festivaltag, die uns als negativ getestete Personen mit Zugangsberechtigung ausweisen. Am dritten Tag wird ein weiterer Test fällig. Für den eigentlichen Zutritt zum Ort des Geschehens ist dann ein weiteres Bändchen erforderlich. “Guck mal, mein Wolfgang-Petry-Arm” ist hier der naheliegende Witz. Ein Impfausweis mit zwei gültigen Impfungen tut es natürlich auch, aber nur wenige Imfplinge können den bereits vorweisen und drei Bändchen gibt es trotzdem.

 

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten (Teil 2)

Während ich im ersten Teil von Frau Wagenknechts Buch noch weitestgehend die Aufregung nicht nachvollziehen konnte, weil ihre Analysen der Probleme zutreffend waren, geht es im zweiten um ihren Ansatz Probleme zu lösen. Vorweg gesagt, es gibt hier einige Stolpersteine, die mich an ihrer Problemlösekompetenz zweifeln lassen.

Zunächst einmal beschreibt sie die Notwendigkeit eines Grundvertrauens der Bevölkerung, das durch das Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Je größer dieses ist, desto eher besteht die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. So wird die Infrastruktur eher gepflegt und man ist bereit, nach dem Prinzip des reziproken Altruismus zu handeln, also erst einmal Gutes zu tun, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. 

Gemeingüter können so erhalten werden und werden nicht ausgeplündert, weil jeder das Vertrauen darauf besitzt, dass er nicht raffen muss. Sofort ploppt bei mir das Bild der vollen Einkaufswagen und leeren Klopapierregale vom Beginn der Corona-Pandemie  auf. Dieses Grundvertrauen herrscht also in Deutschland nicht. Dies liegt laut Frau Wagenknecht an der Heterogenität in unseren Breitengraden, die   dem Wir-Gefühl entgegenstehen. Gemeingüter sind zum Verfallen verurteilt und die Antwort des Marktes ist die Privatisierung. So hängt das Wohlergehen von der Macht der unsichtbaren Hand des Marktes ab. Sozialstaaten werden also aufgelöst, wenn das Gemeinschaftsgefühl fehlt.

Wie dann rassistische Ressentiments geschürt werden, um neoliberalem Denken Vorschub zu leisten, belegt sie an der Legende der „Welfare Queen“ in den 50er-Jahren der USA. Damit wurden Alleinerziehende dunkelhäutige Frauen gemeint, die von Sozialhilfe lebten. Diese Form von Rassismus sorgte dafür, dass selbst Mittelschichtler, die von einem besseren Sozialstaat profitiert hätten, gegen den Sozialstaat stimmten.

Zunächst einmal scheinen wir solche Art von Agitation kennen, denn AfD und andere rechte neoliberale Kreise schüren ja ähnlich Ängste, um Zuspruch zu bekommen. Jetzt macht Frau Wagenknecht aber einen Move, der für mich gänzlich unverständlich ist. 

 

Ox #155

Vorsicht Triggerwarnung! Auf dem Cover sind die kleinen Geschwister der großen Schiffsschaukelschubser aus Düsseldorf, die BROILERS, zu sehen. Die dazugehörige Titelstory (bestehend aus Interviews mit Sammy und Ines) wirkt dagegen schon irgendwie sympathisch. Im Gegensatz zur Musik wirken sie im Gespräch sehr angenehm und insgeheim entwickle ich Sympathien. Anyway, das Ox ist dick genug, um genügende Unterhaltung zu bieten. Tom van Laak schafft es unfallfrei mit dem Fahrrad zum Arzt und seine Wohnung brennt eine ganze Ausgabe lang nicht beinahe ab. Markus Staiger erscheint ebenfalls als sympathischer Nerd, der seine Bands ganz ohne Excel-Tabellen signt. Diesmal gibt es auch eine ganze Reihe lesenswerter Kolumnen von Joachim, Julia Rosenthal, Lars Koch und Markus Franz (um sie mal beim Namen zu nennen). Der lustige Verriss von Cockney Rejects‘ Wild ones-Album liest sich verdammt flockig, trotz oder gerade wegen der Hochnäsigkeit mit der Karl Heinz Stille dem Genre Oi! begegnet. Musikalisch konnte ich diesmal durch das Ox A/Lpaca entdecken, die zu Recht gefeiert werden, wovon ich mich auf der streckenweise interessanten CD überzeugen konnte. Sonst noch interessant waren für mich die Deecracks, Mittagspause, Gum Bleed, 24/7 Diva Heaven und die neue Band The Limit von Sonny Vincent, der endlich wieder nach seiner Familientragödie am Start ist. Mit Paul Leary von den Butthole Surfers kommt auch mal ein richtig durchgeknallter Unsympath zu Wort, was irgendwie auch lesenswert ist. Swen